Energy Transition Strategy: Shell will bis 2050 klimaneutral sein

Bis 2050 sollen die Emissionen des Unternehmens sowie der von Kunden genutzten Produkte Netto null betragen. Dazu unternimmt der britisch-niederländische Energiekonzern einen schrittweisen Strategieschwenk – vom Kerngeschäft Öl und Gas in Richtung erneuerbare Energie, Wasserstoff und E-Mobilität. In Deutschland ist die Transformation bereits in vollem Gange.

Luftaufnahme Shell Wesseling Elektrolyseur

Bildquelle: Shell Deutschland GmbH

Am 2. Juli hat die Shell Deutschland GmbH die Produktion von grünem Wasserstoff im „Energy and Chemicals Park Rheinland“ (vormals Rheinland Raffinerie) in Wesseling bei Köln gestartet. Die fertiggestellte 10 MW-Elektrolyseanlage REFHYNE I könne pro Jahr bis zu 1.300 Tonnen grünen Wasserstoff liefern und sei damit die derzeit größte Elektrolyseanlage Europas, teilte das Unternehmen mit.

Angesichts des wachsenden Bedarfs von grünem Wasserstoff plant der Konzern bereits den Ausbau der Kapazitäten auf bis zu 100 MW-Elektrolysekapazität noch vor dem Jahr 2025. Hierfür brauche es allerdings stärkere Förderung. „Wir werden weitere Unterstützung brauchen, insbesondere in Nordrhein-Westfalen, sagte Shell-Deutschland-Chef Fabian Ziegler bei der Eröffnungsfeier.

Erster Adressat dieser Botschaft dürfte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) gewesen sein, der die Anlage gemeinsam mit weiteren Politik- und Wirtschaftsvertretern symbolisch in Betrieb nahm. Laschet verwies auf den hohen Wasserstoffbedarf der Industrie. Die Nachfrage dürfte sich bis 2030 verdoppeln, deshalb brauche man „innovative Lösungen, die zu einer CO2-neutralen Deckung des Wasserstoffbedarfs beitragen“.

Eröffnung Wasserstoffelektrolyseur REFHYNE Shell Wesseling

Bildquelle: Shell Deutschland GmbH

Umbau der Raffinerie ist wichtiger Baustein der großen Transformation

Die Elektrolyseanlage in Wesseling ist der erste sichtbare Schritt für eine Neuausrichtung der Shell-Raffinerien mit der der Energiekonzern zugleich eine ambitionierte Wasserstoffstrategie verfolgt. Wesseling und weitere vier Shell-Raffinerie-Standorte sollen in den kommenden Jahren zu „Energie- und Chemieparks“ umgebaut und für Partnerschaften geöffnet werden. Acht der insgesamt 13 Shell-Raffinerien weltweit sollen verkauft oder geschlossen werden. Perspektivisch wolle Shell in Deutschland weitere Elektrolyseure im 100-MW-Maßstab errichten, hatte Fabian Ziegler schon im vergangenen September bei der Vorstellung der neuen Unternehmensstrategie erklärt. Neben dem Rheinland kämen Bayern und Hamburg als Standort-Optionen infrage. Um all das möglich zu machen, sei aber selbst ein Weltkonzern wie Shell auf staatliche Förderung angewiesen, betonte der Shell-Manager damals.

Künftig sollen weniger Erdöl und dafür mehr Wasserstoff, zirkuläre Abfallstoffe und Biomasse zum Einsatz kommen. Der Standort Wesseling werde sein Produktportfolio deutlich ändern: Fossile Kraftstoffe sollen mehr und mehr synthetischen und Bio-Kraftstoffen sowie grünem Wasserstoff weichen. Den Rohstoff Öl will Shell zunehmend für Nicht-Verbrennungsprodukte nutzen, also petrochemische Grundstoffe wie Ethylen, Propylen, Methanol oder Benzol, die Kunden aus der Chemieindustrie benötigen.

Neben der 100-MW-Wasserstoff-Elektrolyse soll in Wesseling auch eine Power-to-Liquid-Anlage entstehen, in der aus Strom und Biomasse synthetische Flugkraftstoffe und Rohbenzin hergestellt werden sollen. Auch hierfür hängt die Investitionsentscheidung von den Rahmenbedingungen ab. Der Baubeginn könnte 2023 sein, die PtL-Produktion im Jahr 2025 anlaufen.

Grafik Shell Energy an Chemicals Park

Grafik: Shell Deutschland GmbH

Offen für Startups und branchenübergreifende Zusammenarbeit

Bereits sicher ist der Aufbau eines Energy Campus auf dem Gelände des neuen Energie- und Chemieparks. Er soll u. a. für Start-up-Unternehmen und Forschungseinrichtungen offenstehen, die gemeinsam mit Shell innovative Ideen vorantreiben. Darüber hinaus will Shell Investoren und weitere Partner gewinnen, die dazu beitragen sollen, die Transformation „entlang der gesamten Wertschöpfungskette“ voranzutreiben. Der Standort werde deshalb „wesentlich offener und flexibler sein, als es die Raffinerie bislang ist“, sagt Dr. Marco Richrath, Direktor des Shell Energy and Chemicals Parks Rheinland.

Ein Beispiel dafür ist die vereinbarte Kooperation mit dem Energieversorger Rheinenergie und den Häfen und Güterverkehr Köln AG. Die drei Unternehmen wollen die Nutzungsmöglichkeiten für grünen Wasserstoff in der Region ausloten. Im Fokus sollen Energieerzeugung und -versorgung sowie Mobilitäts- und Logistikkonzepte stehen, aber auch der öffentliche Nahverkehr könnte in Betracht kommen, heißt es in einer Pressemitteilung der Unternehmen. Bestandteil der Vereinbarung ist zum Beispiel der Zugang der beteiligten Unternehmen zu grünem Wasserstoff aus dem Shell Elektrolyseur in Wesseling. Eine „Testumgebung“ soll Erkenntnisse für die Wasserstofferzeugung, den Transport und die Betankung liefern. Eine wichtige Rolle spielen dabei Güter-Logistik und die inländische Schifffahrt. Gemeinsam wollen die drei Partner auch mit wasserstoffbasierten Geschäftsmodellen an Endkunden herantreten.

Wasserstofftransport über Ländergrenzen gemeinsam mit Uniper

Bemerkenswert im Hinblick auf die Entwicklung der europäischen Wasserstoffwirtschaft ist überdies die Absichtserklärung der Tochtergesellschaften Shell Gas & Power Developments und Uniper Hydrogen, „fortan intensiver zusammenarbeiten, um die Nachfrage von Industrie und Mobilität mit der Lieferung, Produktion und Speicherung von Wasserstoff zu verbinden“. Dafür wollen die beiden Unternehmen unter anderem gemeinsame Projekte in Deutschland, den Niederlanden und anderen europäischen Ländern vorantreiben.

Vor allem beim Thema Infrastruktur hoffen die beiden Konzerne auf Synergien. Der Transport von Wasserstoff aus den Häfen Rotterdam und Wilhelmshaven nach Nordrhein-Westfalen soll im Mittelpunkt der angekündigten Zusammenarbeit stehen. Wasserstoff biete eine CO2-freie Lösung, um den erneuerbaren Strom aus den Küstenregionen und aus Offshore-Windparks ins Landesinnere zu transportieren, wo er sektorübergreifend gebraucht werde. Siehe dazu auch NORTH2 – Größtes Wasserstoffprojekt in Europa.

Konzernumbau soll zu Netto-null-Emissionen im Jahr 2050 führen

Neben dem Verkauf ist der Umbau von Shell-Raffinieren einer von mehreren wichtigen Bausteinen der Transformation des global agierenden Öl- und Gaskonzerns zu einem integrierten Energieunternehmen mit klarem Fokus auf erneuerbare Energien, Wasserstoff und Elektromobilität. Shell will bis 2050 zu einem Netto-null-Emissionsunternehmen werden, die Produktion fossiler Kraftstoffe soll bis 2030 um 55 Prozent sinken. Frei werdendes Kapital aus dem Bereich der Förderung und Produktion von Öl und Gas soll zum Ausbau des Geschäfts mit erneuerbaren Energien und Strom investiert werden.

Auf dem Weg zum Netto-null-Ziel gibt sich Shell Zwischenziele vor. Laut Shell Energy Transition Strategy 2021 sollen die Emissionen, die im eigenen Betrieb, bei den Vorlieferanten und bei den Kunden durch die Nutzung der Produkte entstehen, bis 2023 um sechs bis acht Prozent gegenüber dem Basisjahr 2016 sinken. Für 2030 liegt das Ziel bei 20 Prozent, für 2035 bei 45 Prozent und für 2050 bei 100 Prozent. Neben CO2-ärmeren und erneuerbaren Produkten sollen dabei auch die CCS-Technologie zur Abscheidung und Speicherung von CO2 sowie Kompensationsmaßnahmen einen wichtigen Beitrag leisten.

„Unser Ziel ist es, bis 2050 ein emissionsfreies Energieunternehmen zu werden, im Einklang mit den Fortschritten der Gesellschaft auf dem Weg zum Ziel des Pariser Abkommens zum Klimawandel.“

Ben van Beurden

CEO, Royal Dutch Shell

Bild: Ed Robinson

Deutschland ist ein Schlüsselmarkt für die Net-Zero-Strategie

Die Shell-Aktivitäten in Europa, im Besonderen in Deutschland auf dem Weg zu Netto-Null spielen dabei eine wichtige Rolle. „Shell in Deutschland will beim Thema Netto-Null-Emissionen für die gesamte Shell vorangehen“, sagte Deutschlandchef Dr. Fabian Ziegler im Rahmen der „Shell Energie Dialog“-Veranstaltung zum Thema Neuausrichtung im September letzten Jahres.

Bis Ende 2030 wolle Shell die eigenen betrieblichen CO2-Emissionen sowie die bei der Nutzung der Produkte beim Kunden anfallenden Emissionen um ein Drittel reduzieren oder kompensieren. Das entspräche etwa 30 Millionen Tonnen pro Jahr beziehungsweise rund 10 Prozent des deutschen CO2-Reduktionsziels im Jahr 2030. Um diese „enorme Aufgabe“ zu schaffen, müsse das ganze Piano gespielt werden, „alle Technologien müssen bis zum geht nicht mehr ausgereizt werden“, so Ziegler. Auf diesem Weg werde sich das Unternehmen sehr stark verändern.

„Wir werden ein völlig anderes Unternehmen sein.“

Dr. Fabian Ziegler

Vorsitzender der Geschäftsführung, Shell Deutschland GmbH

Neben dem Raffinerieumbau für die Wasserstoffproduktion zählen zu dieser Veränderung der Einstieg in neue Geschäftsfelder wie Windenergie, LNG (Liquid Natural Gas) für Lkw und Schiffe, Ökostromvertrieb für Privat- und Gewerbekunden durch die Tochter Shell Energy, Batteriespeicher und Wallboxes fürs Haus, E-Auto-Ladepunkte an eigenen Tankstellen und über die in Kooperation mit diversen Unternehmen etwa aus der Energie- und Automobilbranche, sowie Wasserstofftankstellen.

Unternehmenszukäufe und Kooperationen sind Teil der Strategie

Dazu hat Shell in Deutschland in jüngster Vergangenheit unter anderem eine Reihe von Unternehmenszukäufen realisiert. Dazu zählen der Batteriespeicherhersteller sonnen, die Anbieter von E-Auto-Ladelösungen New Motion und ubitricity sowie der Ökostromvermarkter Next Kraftwerke. Zudem ist das Unternehmen an verschiedenen Projekten und Konsortien etwa in den Bereichen Offshore-Windenergie und Wasserstoffinfrastrukturausbau beteiligt. Dazu zählen etwa die Nordsee-Windanlagenparks Hollandse Kust Noord und Blauwind oder das Wasserstoff-Großprojekt NORTH2 sowie der Aufbau von Wasserstofftankstellen im Rahmen des Joint Ventures H2Mobility.

NORTH2 – Größtes Wasserstoffprojekt in Europa

Ein Konsortium bestehend aus RWE, Equinor, dem niederländischen Gasnetzbetreiber Gasunie und der Hafen Groningen Seaports und Shell plant mit NORTH2 das bis dato größte Wasserstoffprojekt in Europa. Ziel ist es, ein System aus Offshore-Windparks, Elektrolyseuren, Gasspeichern und Leitungen zu etablieren, um Offshore-Windstrom in grünen Wasserstoff umzuwandeln, zu speichern und zu den Industriezentren im Nordwesten Europas zu transportieren. Dazu soll bis 2030 vor der Küste Nordhollands ein Windpark von einer Größe zwischen drei und vier Gigawatt entstehen. Der Windstrom soll direkt von einem Elektrolyseur in Eemshaven zu grünem Wasserstoff verarbeitet, gespeichert und anschließend über die Gas-Infrastruktur von Gasunie verteilt werden. Bis 2040 soll die Kapazität von NortH2 auf über 10 GW anwachsen – genug, um so jährlich 1 Million Tonnen grünen Wasserstoff zu erzeugen. Damit ließen sich 8 bis 10 Millionen Tonnen CO2 jährlich vermeiden. NortH2 könnte damit einen wichtigen Beitrag im Rahmen der EU-Wasserstoffstrategie leisten, nach der bis 2030 europaweit mindestens 40 GW an Wasserstoff-Elektrolyseuren installiert sein sollen.

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H2 MOBILITY

Das Joint Venture H2 MOBILITY Deutschland mit den Gesellschaftern Air Liquide, Daimler, Hyundai, Linde, OMV, Shell und TOTAL will den Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur in Deutschland maßgeblich beschleunigen. Erstes Ziel ist der Betrieb von 100 Wasserstoffstationen in deutschen Ballungszentren sowie entlang der verbindenden Fernstraßen und Autobahnen. An allen Stationen können Pkw und leichte Nutzfahrzeuge (Kleintransporter) mit 700 bar und einem Bedarf von 5 kg (teilweise auch bis 8 kg) Wasserstoff tanken. An sechs ausgewählten Standorten soll zusätzlich eine 350 bar Betankung für Busse möglich sein. Weitere Stationen sollen dort errichtet werden, wo eine Nutzfahrzeugnachfrage besteht und eine öffentliche Tankstelle für ein wachsendes Tankstellennetz für Pkw sinnvoll erscheint. Die Wasserstoffstationen werden vorzugsweise in bestehende Tankstellen integriert. Der Wasserstoff wird üblicherweise per Trailer angeliefert, bei 45 bar gelagert und für die Fahrzeuge beim Tanken auf 700 bar hochverdichtet.

Die Übernahme von Next Kraftwerke ist wichtiger Bestandteil der Strombeschaffungsstrategie für die Herstellung von grünem Wasserstoff in Wesseling. Neben Power Purchase Agreements (PPAs), also längerfristigen Strombezugsverträge für grünen Strom aus Solar-, Wind-, oder Wasserkraftanlagen, die keine EEG-Förderung erhalten, sollen eigene Offshore-Windparks die dritte Säule der Beschaffung werden. Entsprechende Kapazitäten werden aufgebaut, etwa in den Niederlanden. Auch der Einstieg in den deutschen Offshore-Windmarkt ist geplant.

Mit der Übernahme von NewMotion im Jahr 2017 und ubitricity (2021), einem deutschen Startup-Unternehmen, das unter anderem Laternenmasten zu Ladestationen umbaut, hat Shell die Expansion in dem schnell wachsenden Lademarkt für Elektrofahrzeuge erweitert. NewMotion etwa bietet Ladestationen für Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und Privathaushalte an, zudem eine App für den Ladeprozess und eine Ladekarte, die laut Unternehmensangaben den Zugriff auf über 200.000 öffentliche Ladepunkte in über 35 Ländern ermöglicht.

Schnelles Stromtanken an eigenen Stationen

Das Stromtanken an Shell-Tankstellen ist derzeit an rund 70 der insgesamt knapp 2000 Stationen in Deutschland möglich. Bis 2030 sollen rund 3000 Ladepunkte an 1.000 Stationen verfügbar sein. Seit 2019 kooperiert das Unternehmen beim Ausbau der Ladeinfrastruktur mit dem Energiekonzern EnBW. Im Rahmen der Kooperation wurden an 50 Tankstellen insgesamt 100 Schnellladepunkte, sogenannte High Power Charger mit einer Ladeleistung von bis zu 300 kW errichtet.

Shell hat sich zudem dem Joint Venture „Ionity“ der Autobauer BMW, Daimler, Volkswagen, Audi, Porsche und Ford angeschlossen. Ziel ist es, ein Netz von 500 Schnellladepunkten mit 350-kW Leistung entlang der Hauptverkehrsrouten in Europa aufzubauen. Im ersten Schritt sollen 80 der größten Shell Autobahn-Stationen in dieses Netz eingebunden werden. „Wir gehen davon aus, dass zukünftig ein Fünftel der Ladevorgänge an Tankstellen stattfinden werden.“ Da müsse es schnell gehen. Ladestopps an den Schnellladesäulen sollen in weniger als zehn Minuten beendet sein, so eine Unternehmenssprecherin.

1 Kommentar

  1. Coolwalter

    Hallo,
    synthetische Kraftstoffe und E-Fuels scheinen eine gute Ergänzung im klimaneutralen Energiemix zu sein. Tests haben gezeigt, dass sich mit diesen Kraftstoffen die Feinstaub- und NOx-Emissionen bei Verbrennungsmotoren und Flugzeugtriebwerken reduzieren lassen. Dann gibt es für E-Fuels noch die Aussage, dass gemäß chemischer Formeln gesehen diese CO2 neutral sind. Das ist soweit nachvollziehbar. Allerdings stelle ich mir die Frage, ist es bei massenhaftem Einsatz dieser CO2 neutralen E-Fuels klimatechnisch wirklich vernachlässigbar, wenn an einem Ort der Erde für diese Kraftstoffe CO2 aus der Umgebungsluft entnommen wird und es an einem ganz anderen Ort und Höhe der Erde wieder freigesetzt wird? Wenn diese E-Fuels z.B. in besonders sonnenreichen Gegenden der Erde hergestellt und sie dann weltweit verbraucht werden. Durch Flugzeuge wird das CO2 in großen Höhen freigesetzt. Ist das wirklich vernachlässigbar?

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