Mit regenerativen Kraftstoffen in die mobile Zukunft

Die Energiewende zwischen Strategie und Umsetzung – das Thema des Handelsblatt-Dialogs „Regenerative Kraftstoffe“ bot reichlich Raum für Diskussionen zwischen den eingeladenen Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

Die Podiumsdiskussion beim Dialog Forum „Regenerative Kraftstoffe“ führten (v.l.) Klaus Stratmann (Handelsblatt), Adrian Willig (IWO), Dr. Ingrid Nestle (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Stefan Kaufmann (CDU) und Ralf Diemer (VdA).
Foto: Marc-Steffen Unger

Die Energiewende gehört zu den großen Themen unserer Tage. Dass sie kommen muss, stellt eigentlich niemand ernsthaft infrage. Darüber, wie sie umgesetzt werden soll, gehen die Meinungen dagegen mitunter stark auseinander. Das wurde auch beim jüngsten Handelsblatt-Dialog „Regenerative Kraftstoffe“ in Berlin deutlich. Unter der Leitung von Klaus Stratmann, Teamleiter Wirtschaftspolitik beim Handelsblatt, diskutierten Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft online und vor Ort über mögliche Strategien zur Umsetzung der Energiewende. Im Mittelpunkt standen Wasserstoff und alternative regenerative Kraftstoffe wie z. B. strombasierte, synthetische Kraftstoffe – sogenannte E-Fuels.

Der Vorstandsvorsitzende des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV), Wolfgang Langhoff, bezog sich in seinem Eingangsstatement auf den Veranstaltungstitel „Die Energiewende zwischen Strategie und Umsetzung“: „Große Ziele sind leicht zu formulieren, gerade auch beim Klimaschutz“, so Langhoff. „Schwieriger wird es bei der Umsetzung, etwa wenn es an der gesellschaftlichen Akzeptanz der dafür notwendigen Maßnahmen mangelt. Jede noch so ambitionierte Klimapolitik muss scheitern, wenn sie von der Gesellschaft nicht mitgetragen wird.“ 

Wolfgang Langhoff (MWV) mahnte an, dass Klimaschutzmaßnahmen unbedingt auch die Akzeptanz der Gesellschaft bräuchten. 
Foto: Marc-Steffen Unger

Regenerativer Wasserstoff als Gamechanger

Wasserstoff sei der „Gamechanger in der Energiewende“, leitete Stefan Kaufmann, Innovationsbeauftragter „Grüner Wasserstoff“ der Bundesregierung seinen Vortrag ein. Es sei das Ziel der Bundesregierung, Deutschland zu einem Leitanbieter für grünen Wasserstoff zu machen. Neben nationalen Maßnahmen wie der Einsetzung eines deutschen Wasserstoffrats sei eine länderübergreifende Zusammenarbeit wichtig, um die benötigten großen Mengen an Wasserstoff produzieren zu können. „Wir haben bereits begonnen, erste internationale Partnerschaften zu schließen“, betonte Kaufmann. Und weiter: „Wir haben dabei die ganze Welt im Blick – vorrangig natürlich unsere europäischen Nachbarn, aber auch Länder wie Australien, Chile oder Brasilien.“

Regenerative Kraftstoffe müssen international gedacht werden

Die Notwendigkeit zur internationalen Zusammenarbeit betonte auch Dr. Jens Perner, Associate Director des Beratungsunternehmens Frontier Economics, bei der Vorstellung der Ergebnisse einer Analyse seines Hauses zum Thema. Die Beschaffung und Bereitstellung alternativer Kraftstoffe müsse international gedacht werden, sowohl im Interesse Deutschlands wie auch der zukünftigen Lieferländer, die so an der Wertschöpfungskette beteiligt würden. Zudem sollten die politischen Instrumente noch konsequenter im Sinne des Klimaschutzes ausgerichtet werden, etwa durch eine Reform der Energiesteuer. „Ein breiter Einsatz alternativer Brenn- und Kraftstoffe, einschließlich dem Straßenverkehrs- und Wärmesektor, dient dem Klimaschutz“, so Perners Bilanz.

Verschiedene Studien zu regenerativen Kraftstoffen, ihren Potenzialen und den Rahmenbedingungen stellte Dr. Jens Perner von Frontier Economics vor.
Foto: Marc-Steffen Unger

Vorwurf: Bequeme Lösung aber nicht zielführend

Dr. Ingrid Nestle, Sprecherin für Energiewirtschaft der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, hielt dem entgegen, regenerative Kraftstoffe seien ein momentan bequemer, auf längere Sicht aber gefährlicher Weg in der Klimapolitik. Angesichts der großen Mengen an benötigtem Ökostrom zur Herstellung von grünem Wasserstoff drohe in wenigen Jahren eine schmerzhafte „Bauchlandung“, sagte die Politikerin in der Podiumsdiskussion.

Eine „Kernfrage“ sei aus Nestles Sicht zudem, wie man es hinbekomme, dass grüner Wasserstoff als knappes Gut den alternativlosen Anwendungen und Prozessen vorbehalten bleibe, wie der deutschen Grundstoff- und Stahlindustrie. Denn mit diesen Industrien dürfe man aus ihrer Sicht nicht spielen und es allein dem Markt überlassen, ob nun die Industrie oder der SUV-Fahrer bereit sei, mehr für den grünen Wasserstoff oder seine Folgeprodukte zu bezahlen.

Heimische Produktionskapazitäten nutzen

Als einen möglichen Standort für eine hiesige Wasserstoffproduktion brachte Jürgen Wollschläger, Geschäftsführer der Raffinerie Heide, die schleswig-holsteinische Nordseeküste ins Spiel. Schon heute verfüge man in Schleswig-Holstein über etwa 5 GW Stromleistung aus erneuerbaren Energien. Eine „Wasserstoffregion Westküste“ profitiere daher zum einen von natürlichen Gegebenheiten wie Windkraft als Energielieferant und vorhandenen Salzkavernen zur Speicherung des grünen Wasserstoffs. Zum anderen gebe es auch ausreichend Anwendungsmöglichkeiten für grünen Wasserstoff: In der Raffinerie könne er bislang grauen Wasserstoff sukzessive ersetzen und er könne als Beimischung zum Erdgas für einen Teil der nahegelegenen Stadt Heide als Heizenergie zur Verfügung gestellt werden.

Das von Wollschläger vorgestellte Projekt „Westküste 100“, welches auch eine nahegelegene Zementfabrik als CO2-Quelle für die synthetische Herstellung insbesondere von grünem Kerosin integriert, hatte den Zuschlag der Bundesregierung als besonders gefördertes Reallabor erhalten „Daher bietet sich nach unserer Einschätzung diese Region für den Aufbau eines Wasserstoffökosystems an“, so Wollschläger. Als notwendigen regulatorischen Rahmen forderte er die Befreiung des Stroms für die Wasserstoffproduktion vornehmlich von der EEG-Umlage. Nur so ließe sich das Vorhaben wirtschaftlich betreiben.

 

Jürgen Wollschläger präsentierte, wie ein hiesiger Produktionsstandort für grünen Wasserstoff idealerweise aussehen kann. 
Foto: Marc-Steffen Unger

Regenerative Kraftstoffe haben Platz im Straßenverkehr

Ralf Diemer, Leiter Wirtschafts-, Handels- und Klimaschutzpolitik beim Verband der Automobilindustrie (VdA), zeigte sich überzeugt, dass alternative Kraftstoffe gebraucht würden: „Selbst bei optimistischen Hochlaufszenarien für die E-Mobiliät und massive Investitionen in die Infrastruktur, wird es auch nach Berechnungen der ‚Nationalen Plattform Mobilität‘ (NPM) voraussichtlich in 2030 eine Lücke bei den Klimazielen geben.“ Kritisch merkte er an, dass die Politik ja sogar noch stetig die Ziele verschärfen wolle, ohne dabei auf die Umsetzbarkeit zu achten.

„Wir sind alle gemeinsam gefordert, ganzheitliche technologische Lösungen zu schaffen“, sagte Diemer. Er verwies darauf, dass der Anteil der Verbrenner in 2030 voraussichtlich bei rund drei Viertel der Fahrzeuge liegen werde. Bei Langstrecken und schweren Lkw wären erneuerbare Kraftstoffe auf jeden Fall eine berechtigte Alternative zur vollständigen Elektrifizierung. Für den notwendigen schnellen Markthochlauf solcher alternativen Fuels forderte Diemer neben einem integrierten europäischen CO2-Bepreisungssystem ehrgeizigere Ziele für die Wasserstoffstrategie und bei der nationalen Umsetzung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED II (Renewable Energy Directive II). Nur so ließen sich aus seiner Sicht Anreize schaffen, in diesen Bereich zu investieren.

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Investoren brauchen Planungssicherheit

Verlässliche politische Rahmenbedingungen sind auch für Adrian Willig eine entscheidende Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende. Der Geschäftsführer des Mitveranstalters Institut für Wärme und Mobilität (IWO) betonte, dass Unternehmen langfristige Planungssicherheit für Investitionen in Technologien für die Energiewende benötigten.

Wichtig sei es, vor allem auf marktwirtschaftliche Elemente zu setzen und Investoren Anreize zu bieten. Dazu zähle insbesondere ein Umbau der Energiesteuer zu einer CO2-Bepreisung. Damit würde die Vermarktung regenerativer Kraftstoffe sofort attraktiver, da für diese kein CO2-Preis anfalle. Die Verbraucher würden dabei insgesamt nicht deutlich höher belastet. Zudem sollten in der europäischen CO2-Flottenregulierung Fahrzeuge, die regenerative Kraftstoffe nutzen, genau so behandelt werden wie E-Autos.

Eine weitere Forderung von Willig an die Politik: Die Bundesregierung sollte bei der nationalen Umsetzung der RED II den vorliegenden Vorschlag des federführenden Bundesumweltministeriums nachbessern. Denn jetzt komme es darauf an, den Hochlauf der Produktion von grünem Wasserstoff sowie von biogenen und nicht-biogenen regenerativen Kraftstoffen die notwendige Investitionssicherheit zu geben. Auch der deutsche Anlagenbau, kürzlich noch Weltmarktführer beim Bau von Elektrolyseuren, brauche schnell einen Businesscase für Wasserstoffanlagen in Deutschland und Europa, um durch den Export der Technologie für Wertschöpfung und inländische Arbeitsplätze zu sorgen.

Willig unterstrich: „Der Ausbau der Elektromobilität allein reicht nicht aus, um die angestrebten Klimaziele zu erreichen. Selbst wenn das ehrgeizige Ziel von 7 bis 10 Millionen Elektroautos im Jahr 2030 erreicht würde, wären zu diesem Zeitpunkt dann immer noch mehr als 35 Millionen Autos mit Verbrennungsmotoren auf der Straße. Dazu kommen noch die derzeit und künftig zugelassenen Hybridfahrzeuge. Schon allein deswegen werden wir nicht ohne alternative Kraftstoffe auskommen, wenn wir die Klimaziele im Verkehr erreichen wollen.“

Die Dimension der Herausforderung zeige auch eine andere Perspektive. „Derzeit decken heimischer Sonnen- und Windstrom etwa sechs Prozent des gesamten Endenergiebedarfs Deutschlands“, so der IWO-Chef. Daher werde man neben einer starken Elektrifizierung und einer Verlagerung von Teilen des Verkehrs auf die Schiene auch regenerative Brenn- und Kraftstoffe brauchen, um den Bedarf an erneuerbaren Energien in Deutschland zu decken. Und diese werde man in großem Maße importieren müssen. „In der Diskussion geht es also nicht um ein ‚entweder- oder‘ sondern um ein ‚sowohl – als auch‘“ resümierte Willig.

Neugierig geworden?

Dann sehen Sie sich die ganze Veranstaltung noch eimal im Stream an.

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.