Power-to-X stößt auf breite Akzeptanz

Power-to-X (PtX) kann den Alltag klimafreundlicher machen – etwa mit synthetischem Kerosin oder erdölfrei produzierten Kunststoffen. Voraussetzung dafür ist, dass PtX-Technologien und -Produkte von den Menschen akzeptiert werden. Eine repräsentative Studie zeigt nun, dass die Mehrheit der Befragten PtX positiv bewertet. Dazu sprechen wir mit Akzeptanzforscher Jan Hildebrand.

Synthetisches Erdgas für eine maritime Energiewende

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Das kann nur funktionieren, wenn fossile Rohstoffe durch erneuerbare Energien ersetzt werden – insbesondere in den Bereichen Industrie und Verkehr. Ein aussichtsreicher Ansatz sind PtX-Technologien. Sie ermöglichen es, Strom aus erneuerbaren Energien in grünen Wasserstoff und dann weiter in alternative Kraftstoffe und chemische Grundstoffe, beispielsweise für die Kunststoff- und Kosmetikindustrie, umzuwandeln.

Akzeptanz von PtX entscheidend für Klimaschutzbeitrag

Damit die PtX-Produkte aber tatsächlich einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können, müssen sie von der Bevölkerung akzeptiert – und letztendlich auch genutzt bzw. gekauft – werden. Eine repräsentative Studie im Rahmen des Kopernikus-Projektes P2X zeigt, dass zumindest diese Voraussetzung erfüllt ist.

Für die Studie haben Forschende des Instituts für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme (IZES) mehr als 2.250 repräsentativ ausgewählte Personen ab 16 Jahren zu verschiedenen Aspekten von PtX-Technologien befragt. Das Ergebnis: PtX-Technologien werden prinzipiell befürwortet und mit positiven Eigenschaften verbunden.

Wie genau die Ergebnisse zur Akzeptanzforschung zu lesen sind und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen – und welche eben auch nicht – erklärt uns Diplom-Psychologe Jan Hildebrand, Leiter des Arbeitsfelds Umweltpsychologie bei IZES und Mitautor der 3. Roadmap des Kopernikus-Projektes P2X „Optionen für ein nachhaltiges Energiesystem mit Power-to-X-Technologien“.

 

Future Fuels: Herr Hildebrand, bitte erklären Sie uns kurz, was genau unter Akzeptanzforschung zu verstehen ist.

Jan Hildebrand: Bei der Akzeptanzforschung geht es zum einen darum, zu verstehen, welche Faktoren oder Merkmale existieren, die die Akzeptanz von Technologien oder Produkten bei unterschiedlichen Akteursgruppen beeinflussen. Akzeptanz meint dabei ein breites Spektrum von Reaktionen, das von Ablehnung über Duldung und Befürwortung bis hin zu aktiver Unterstützung reicht, also sowohl die Bewertungs- als auch die Verhaltensebene einschließt. Perspektivisch wird so versucht zu zeigen, unter welchen Umständen bzw. nach welchen Kriterien eine Technologie oder ein Produkt gesellschaftlich akzeptabel wäre.

Zum anderen ist es auch ein Ziel der Akzeptanzforschung, für die Bedeutung von sozialen Prozessen bei der Technologieentwicklung zu sensibilisieren und diese im Sinne eines sozio-technischen Systemverständnisses von Anfang an mitzudenken. Methodisch nutzt die Akzeptanzforschung alle Formen der empirischen Sozialforschung, also u.a. Interviews, Fokusgruppen, standardisierte Fragebogenerhebungen, (Quasi-)Experimente sowie Akteurs- und Medienanalysen.

Future Fuels: Und was muss man wissen, um die Ergebnisse richtig zu lesen?

Jan Hildebrand: Um Ergebnisse einzuordnen ist es wichtig, genau zu verstehen, was Gegenstand der Untersuchung war:

  • Akzeptanzsubjekt, also wer wurde befragt: Industrie/Hersteller, NGOs, spezifische Nutzer*innen oder breite Gesellschaft?
  • Akzeptanzobjekt, also was war der genaue Gegenstand der Befragung: z.B. Technologie, Produkt oder politische Maßnahme?
  • Akzeptanzkontext, also in welchem Rahmen findet es statt: z.B. Wasserstoffproduktion in einer Region oder internationale PtX-Strategie.

Auch der theoretische Bezugsrahmen ist wichtig, das heißt, wie die Akzeptanz in der Studie definiert wurde: Wir wissen aus der Erfahrung, dass es keine 1:1-Beziehung zwischen einer prinzipiellen Befürwortung und einer konkreten Kauf- oder Nutzungsentscheidung gibt, hier spielen dann noch weitere Faktoren in der konkreten Nutzungssituation eine Rolle. Auch führt ein Mehr an Wissen allein nicht zur Akzeptanz, ist aber dennoch eine wichtige Komponente für die fundierte Meinungsbildung.

Future Fuels: Ein Ergebnis der Studie war ja, dass beim Thema PtX noch hoher Informations- und Kommunikationsbedarf besteht. Woraus genau schließen Sie das?

Jan Hildebrand: Zunächst zeigen die Befragungsergebnisse, dass viele der befragten Personen noch nichts oder nicht viel von PtX gehört haben. Wir haben in der Befragung eine neutrale Einführung in das Thema bereitgestellt, in der die grundsätzlichen PtX-Prozesse beschrieben wurden, gleichzeitig aber keine Bewertung im Sinne von gut oder schlecht suggeriert wurde.
In der Medienanalyse haben wir gesehen, dass der Themenkomplex PtX, Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe zunehmend an Bedeutung gewinnt, aber noch eine gewisse Unschärfe existiert, was sich u.a. in der sehr heterogenen Begriffsverwendung bei den strombasierten synthetischen Kraftstoffen zeigt: Sie reicht von SynFuels über eFuels bis hin zu Ökotreibstoff. Zudem bestehen hier oftmals noch Assoziationen zu E10 und biogenen Kraftstoffen. Dementsprechend ist hier eine klare und stringente Kommunikation und Begriffsklärung sicherlich sinnvoll, damit der breiten Gesellschaft eine differenziertere Einordnung ermöglicht wird.

Akzeptanz von PtX-Produkten allgemein

 So steht es laut Akzeptanzforschung im Rahmen des Kopernikus-Projektes „P2X“ um die allgemeine Akzeptanz von Power-to-X-Technologien.
Quelle: P2X-Roadmap 3.0 (August 2021) 

Future Fuels: Können Sie erklären, wovon es abhängt, ob Menschen bereit sind, PtX-Technologien zu akzeptieren oder eben nicht?

Jan Hildebrand: Bei der in der Repräsentativ-Befragung im Fokus stehenden allgemeinen Zustimmung zu PtX auf Ebene der Gesamtbevölkerung zeigen sich vor allem die Faktoren Umweltbewusstsein, der Technologie zugeschriebene Umweltwirkungen sowie das eingeschätzte Kosten-Nutzen-Verhältnis als bedeutsam. Je stärker die Befragten das Verhältnis von Kosten und Nutzen von PtX-Technologien als ausgeglichen bewerten, desto höher fällt auch die Akzeptanz aus.

Zu den Kosten zählen beispielsweise

  • Investitionen in den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien.
  • zunehmende Importabhängigkeit.
  • Ressourcenkonkurrenz.

Der Nutzen liegt unter anderem in der

  • Reduzierung von CO2-Emissionen.
  • Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern wie Kohle und Erdöl.
  • Schaffung neuer Arbeitsplätze vor Ort.

Zudem war die Zustimmung für Power-to-X-Technologien höher ausgeprägt, je positiver die Befragten deren Wirkungen für Umwelt- und Klimaschutz eingeschätzt haben. Damit zusammenhängend sprachen sich auch Personen mit einem hohen Umweltbewusstsein stärker für PtX-Technologien aus.

Future Fuels: Das Forschungsprojekt ist noch nicht beendet: Welchen Fragen gehen Sie als nächstes nach?

Jan Hildebrand: Zum einen finden vertiefende Akzeptanzanalysen in Form von Interviews und Fokusgruppen statt, die wir mit Akteuren aus verschiedenen Anwendungsbereichen durchführen. Dabei geht es um die Rolle von PtX in der Mobilität – nicht nur im Straßenverkehr sondern auch im Schiffs- und Flugverkehr – sowie um PtX-Produkte als Grundstoffe für die chemische Industrie und als Energieträger in industriellen Prozessen, wie z.B. der Glas- oder Stahlproduktion.
Zusätzlich findet eine zweite repräsentative Befragungswelle im November 2021 statt, sodass wir die Ergebnisse zwischen dem ersten und dem zweiten Erhebungszeitpunkt vergleichen können. Die Ergebnisse der gesamten Analysen fließen dann in die vierte Roadmap des Kopernikus-Projekts P2X ein, die 2022 veröffentlicht wird.

Future Fuels: Das Thema Akzeptanzforschung ist vielen Akteuren in dem eher technisch-naturwissenschaftlich und ökonomisch geprägten Feld der Klimaschutzpolitik möglicherweise wenig vertraut. Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, auch diesen Aspekt ausreichend zu erforschen?

Jan Hildebrand: Technische Innovationen benötigen immer eine Form von Akzeptanz, um in der Gesellschaft zu diffundieren. Denn technische Anlagen sind immer in einen sozio-technischen Systemkontext eingebettet. Das heißt, es sind immer Menschen in einem bestimmten Setting beteiligt, beeinflusst oder betroffen. Am Beispiel der Windkraftanlagen oder der Stromleitungen sehen wir gerade sehr gut, wie wichtig es ist, diese Einbettung möglichst gut zu gestalten. Dementsprechend sollten die technischen Entwicklungen Hand in Hand mit sozialwissenschaftlichen Aspekten wie Beteiligungsmöglichkeiten, Akzeptabilitätskriterien und transparenter Kommunikation gehen.

Future Fuels: Was können Politik und Wirtschaft aus Ihren Forschungsergebnissen ableiten oder wie lautet Ihre Empfehlung gerade hinsichtlich der weiteren Entwicklung von PtX?

Jan Hildebrand: Die Ergebnisse zeigen aus meiner Sicht, dass die Gesellschaft Innovationen, die eine potenziell wichtige Rolle in der Energiewende spielen können, prinzipiell positiv und offen gegenübersteht, – selbst wenn noch kein vertieftes Wissen bzw. noch keine konkreten Erfahrungen vorliegen. Wichtig ist hierbei vor allem der Aspekt der positiven Umwelt- und Klimaschutzwirkungen – quasi „das Versprechen“, dass diese Technologien dann auch tatsächlich zu einer Treibhausgasminderung beitragen bzw. im Lebenszyklus nachhaltig sind.
Insofern wäre meine Empfehlung, zum einen natürlich noch mehr Wissen zu den Vor- und Nachteilen der jeweiligen technologischen Pfade zu vermitteln, sodass eine fundierte Meinungsbildung stattfinden kann. Zum anderen ist es meiner Ansicht nach wichtig, für Entwicklung und Förderung entsprechende Standards und Rahmenbedingungen festzusetzen, damit die positiven Umweltwirkungen wie Treibhausgasminderung und Nachhaltigkeit auch tatsächlich eintreten können.

Future Fuels: Wie steht es denn mit Ihrer persönlichen Akzeptanz? Würden Sie beispielsweise ein Auto mit synthetischen Fuels nutzen und dafür auch einen höheren Preis in Kauf nehmen?

Jan Hildebrand: Persönlich halte ich es unbedingt für notwendig, die Energiewende bzw. Verkehrswende im Kleinen mitzugestalten. Deshalb nutze ich privat vor allem den ÖPNV über ein Jobticket. Bei den synthetischen Fuels sehe ich die Stärke vor allem in der Anwendung im Schiffs- und Flugverkehr. Ich würde entsprechend auch für ein Flugticket mehr bezahlen, wenn ich wüsste, dass synthetisches Kerosin genutzt wird.

Akzeptanz alternativ betriebener Verkehrsmittel

Die Bereitschaft, verschiedene Verkehrsmittel mit alternativen Fuels zu benutzen, ist laut Akzeptanzforschung im Rahmen des Kopernikus-Projektes „P2X“ groß.
Quelle: P2X-Roadmap 3.0 (August 2021) 

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