Interview: Akzeptanzforschung zeigt vorhandene Bereitschaft zur Verwendung erneuerbarer Kraftstoffe

Zu alternativen Kraft- und Brennstoffen wird viel geforscht. Dabei geht es aber nicht nur um chemische Formeln und volkswirtschaftliche Rechenmodelle. Ebenso entscheidend dafür ob und wie sich eine solche Innovation durchsetzt ist die Frage nach der Akzeptanz. Denn die Energiewende braucht das Engagement aller gesellschaftlichen Akteure.

Akzeptanzforschung erneuerbare Kraftstoffe

Darüber, ob wir alternative Kraft- und Brennstoffe brauchen, um die Energieversorgung von morgen sicherzustellen, ist unter Experten aus Naturwissenschaften, Ökonomie, Politik und Industrie eine kontroverse Diskussion entbrannt. Eine wichtige Perspektive wird dabei anscheinend aber manchmal vernachlässigt: Die des Nutzers. In der Vergangenheit ist die Einführung neuer Technologien nicht selten an mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung gescheitert.

Um das bei diesem zukunftsweisenden Thema zu vermeiden, gibt es im Rahmen der interdisziplinären Forschungsinitiative „Energiewende im Verkehr“ das wissenschaftliche Begleitforschungsprojekt „BEniVer“. Dabei geht es um eine umfassende Untersuchung der Entwicklung regenerativer Kraftstoffe. Im Fokus des Projekts stehen fachübergreifende Analysen zu technischen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen.

Ganz konkret gehen die Forscher des Instituts für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt dabei unter anderem den Fragen nach, welche Treiber und Hemmnisse es für den Einsatz regenerativer Kraftstoffe gibt, welche Nutzergruppen hohe Potenziale für deren Einsatz haben und wie die Eigenschaften der alternativen Kraftstoffe von den potenziellen Nutzern bewertet werden.

Zum Forschungsprojekt „BEniVer – Begleitforschung Energiewende im Verkehr“ haben wir mit Dr. John Anderson gesprochen, der die Akzeptanzforschung dieses Projekt beim Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betreut.

Future Fuels: Herr Dr. Anderson, das Forschungsfeld „Akzeptanz“ ist im Rahmen der Energiewende bisher nicht besonders stark in Erscheinung getreten. Warum ist dieser Aspekt aus Ihrer Sicht so wichtig?

Dr. Anderson: Nutzerakzeptanz ist für das Gelingen der Energie- und der Verkehrswende grundlegend. Denn ohne Akzeptanz werden weder neue Technologien verwendet noch innovative Mobilitätskonzepte ausprobiert. Besonders im Bereich Verkehr muss man die Anforderungen der Nutzer in den Vordergrund stellen, da Mobilität ein sehr persönliches Thema ist. Deshalb führen wir am Institut für Verkehrsforschung seit vielen Jahren Akzeptanzforschung durch.

Future Fuels: Sie und Ihre KollegInnen haben kürzlich eine Erhebung zur Akzeptanz und potenziellen Nutzung erneuerbarer Kraftstoffe im Straßenverkehr durchgeführt. Wie sind Sie vorgegangen?

Dr. Anderson: Im Rahmen des Projekts haben wir eine quantitative Erhebung der Akzeptanz erneuerbarer Kraftstoffe durchgeführt und ausgewertet. Für die Erhebung haben wir eine Stichprobe von 3.500 Pkw-BesitzerInnen in Deutschland durch den Probanden-Panel der DLR-Großanlage MovingLab befragt. Am Ende haben wir 545 TeilnehmerInnen gehabt. Mit einem Online-Fragebogen haben wir zwischen September und Oktober 2020 18 allgemeine Themen und sechs sogenannte Stated-Preference Fragen abgefragt. Die Fragen bezogen sich auf Pkw-Nutzung und Tankverhalten, Nutzungsbereitschaft und Akzeptanz hinsichtlich erneuerbarer Kraftstoffe und hypothetische Entscheidungssituationen (Stated-Preference).

Future Fuels: Und zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Dr. Anderson: In der Befragung haben wir gesehen, dass viele Pkw-NutzerInnen Erfahrungen mit E10 und teilweise auch mit Elektrofahrzeugen haben. Wir haben auch herausgefunden, dass vier von zehn Pkw-Nutzern bereit sind, ihren Pkw für die Verwendung von erneuerbaren Energien umzurüsten. Ungefähr 34 Prozent der Pkw-Nutzer würde hierfür mehr als 500 € zahlen. Diese Ergebnisse sind in der unten stehenden Grafik (Abbildung 1) dargestellt.

Ein weiteres Ergebnis ist, dass mehr als zwei Drittel der Befragten im Alltag an zwei bis drei unterschiedliche Tankstellen tankt. Für viele Pkw-Nutzer kämen erneuerbare Kraftstoffe deshalb erst in Frage, wenn sie zumindest an jeder zweiten Tankstelle angeboten würden.

Wie viel wären Sie bereit für die Umrüstung Ihres Pkw zu bezahlen, um erneuerbare Kraftstoffe zu nutzen?

Karte MENA-Region

Abbildung 1: Häufigkeitsverteilung zur Zahlungsbereitschaft bei einer Umrüstung, differenziert nach dem Aggregatzustand des tankfähigen Kraftstoffs

Future Fuels: Welche Aspekte spielen darüber hinaus eine Rolle?

Dr. Anderson: Die Befragten sollten sich auch zu Aussagen über gewisse Rahmenbedingungen bei der Etablierung von erneuerbaren Kraftstoffen positionieren. Dabei ging es u.a. um die CO2-Bilanz und die Anwendungsfelder, aber auch um die regionale Herstellung der Kraftstoffe. Das Meinungsbild hierzu ist gemischt (siehe auch unten stehende Grafik/Abbildung 2): Acht von zehn befragten Pkw-BesitzerInnen stimmen der Notwendigkeit einer geringeren CO2-Bilanz bei erneuerbaren Kraftstoffen im Vergleich zu heutigem Benzin oder Diesel zu.

Ebenso wird mehrheitlich anerkannt, dass erneuerbarer Kraftstoffe eine zentrale Rolle für die Erreichung der Klimaziele im Straßenverkehr sowie in Schiff- und Luftfahrt und im Gütertransport per Lkw spielen können – und zwar zu 73 bis 75 Prozent. Jedem zweiten Befragten ist auch die Unabhängigkeit von großen Ölexporteuren wichtig. Auch wenn 40 Prozent angeben, dass sie bereit sind, mehr für einen in Europa produzierten Kraftstoff zu bezahlen, so ist der Anteil derer, die diese Aussage ablehnen mit 29 Prozent ebenfalls hoch.

Wie ist Ihre Meinung zu folgenden Aussagen zu erneuerbaren Kraftstoffen?

Akzeptanzforschung erneuerbare Kraftstoffe

Abbildung 2: Häufigkeitsverteilung zu Aussagen hinsichtlich von Rahmenbedingungen in der Etablierung erneuerbarer Kraftstoffe

Future Fuels: Welche Treiber und Hemmnisse für die Nutzung alternativer Kraftstoffe haben Sie in den unterschiedlichen Gruppen identifiziert? Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Dr. Anderson: Die Reichweite ist der wichtigste Faktor bei der Entscheidung für einen Kraftstoff. Ein Hemmnis hingegen kann der Preis sein, denn bei der Zahlungsbereitschaft zeigen sich deutliche Unterschiede unter den Befragten. Die Bedeutung von Umweltmerkmalen für die Akzeptanz alternativer Kraftstoffe steigt erwartungsgemäß mit dem Umweltbewusstsein.

Future Fuels: Sie haben auch gezielt den Einsatz regenerativer Kraftstoffe im Wirtschaftsverkehr untersucht. Was waren hier die wichtigsten Ergebnisse?

Dr. Anderson: Ja, wir haben in Berlin drei Gruppendiskussionen mit Akteuren des Wirtschaftsverkehrs durchgeführt und auch einen wissenschaftlichen Artikel dazu veröffentlicht. Es haben sich drei entscheidende Akzeptanzfaktoren herausgestellt:

  1. Eignet sich die vorhandene Technik für den praktische Einsatz erneuerbarer Fuels?
  2. Welche Sekundäreffekte etwa auf die Umwelt hat die Produktion der regenerativen Kraftstoffe?
  3. Wie verhält sich der Einsatz erneuerbarer Fuels im Vergleich zur Elektromobilität?

Es zeigt sich, dass innerhalb der Gruppe „Wirtschaftsverkehr“ vor allem große Speditionsfirmen im Lkw-Fernverkehr als „early adopter“ für regenerative Kraftstoffe gelten. Bei kleineren Unternehmen fällt die Akzeptanz aufgrund der Vielzahl von technischen Alternativen, der unklaren Preisentwicklung und der unsicheren politischen Rahmenbedingungen für Kraftfahrzeuge hingegen niedriger aus.

„Eigentlich ist das der größte Vorteil, dass ich keine neuen Autos kaufen muss, sondern meine normalen verwenden kann, nur mit einem anderen Kraftstoff. Von daher wird es auch hier Lösungen geben, wie man seinen emissionsarmen Betrieb nachweisen kann.“

„Das Problem ist auch, wenn Sie sich für einen Kraftstoff entscheiden, treffen Sie gleichzeitig eine Infrastrukturentscheidung. Diese können Sie nicht einfach nach fünf Jahren wieder umschmeißen. Deshalb tut man sich an der Stelle sehr schwer, bei den verschiedenen Systemen, die er derzeit gibt, was ist der richtige Weg.“

Aussagen von Teilnehmern der Gruppendiskussion BEniVer

Akteure des Wirtschaftsverkehrs

Future Fuels: Welches sind die nächsten Schritte in ihrer Forschungsarbeit zum Thema Energiewende? Welchen Fragen gehen sie als nächstes nach?

Dr. Anderson: Als Nächstes führen wir eine Erhebung durch, um Muster im Tank- und Fahrverhalten von Pkw-Nutzern zu ermitteln. Im April wurden ca. 1.250 Personen mit Pkw im Haushalt aus dem MovingLab Probandenpool angeschrieben, jetzt warten wir auf den Rücklauf.

Future Fuels: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Sie kommen aus Kalifornien. Spielen die Themen Klimaschutz und Energiewende dort eine große Rolle im Bewusstsein der Menschen und wirken sie sich auf ihr Verhalten aus? 

Dr. Anderson: Die Themen Klimaschutz, Energie- und Verkehrswende sind für die Leute in Kalifornien von großer Bedeutung. Besonders durch die Dürren und Brände der letzten Jahre werden die Auswirkungen vom Klimawandel zunehmend spürbar. Daher werden innovative Konzepte, wie zum Beispiel die California High-Speed Rail oder Assembly Bill 178 (Anforderung von Photovoltaikanlagen für alle neuen Gebäude) dort als Beitrag zum Klimaschutz akzeptiert und vorangetrieben.

BEniVer – Begleitforschung Energiewende im Verkehr

Im Rahmen der Forschungsinitiative „Energiewende im Verkehr“ untersucht das wissenschaftliche Begleitforschungsprojekt „BEniVer“ umfassend die Entwicklung regenerativer Kraftstoffe mit dem Ziel die 14 technischen Forschungsvorhaben der Initiative mit über 100 beteiligten Forschungsgruppen und Industriepartnern zu vernetzen, Synergiepotenziale zu heben und die Projektergebnisse vergleichbar zu machen. Im Fokus des Projekts stehen fachübergreifende Analysen zu technischen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen.

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