„Klimaneutrale Schifffahrt ist technisch machbar“

Wie lässt sich der internationale Schiffsverkehr mit den Klimaschutzzielen in Einklang bringen? Ist eine klimaneutrale Schifffahrt überhaupt zu organisieren oder verhindert der internationale Wettbewerb die Umstellung auf alternative Antriebe und Treibstoffe schon aus Kostengründen? Technisch gibt es zahlreiche Ansätze und Ideen, ein Königsweg hat sich aber noch nicht herauskristallisiert. Deshalb ist zum jetzigen Zeitpunkt Technologieoffenheit eine wichtige Voraussetzung. Ein Meinungsbeitrag von Dr. Ralf Sören Marquardt, Geschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik e.V. (VSM).

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Bei Schiffen handelt es sich um schwimmende Städte, wenn man die Emissionen vergleicht. Diese sind überwiegend bereits völkerrechtlich reguliert. In Sachen Klimaschutz unterliegt die Schifffahrt den von der International Maritime Organisation (IMO) gesetzten Zielen: Bis 2030 sollen die absoluten Emissionen der Schifffahrt um 40 Prozent reduziert werden, bis 2050 sogar halbiert – geht es nach der EU liegt das Ziel für 2050 sogar bei 90 Prozent weniger CO2-Emissionen. Aufgrund der Langlebigkeit von Schiffen und den langen Bau- und Projektzeiträumen bedeutet das, dass die entsprechenden Investitionsentscheidungen quasi jetzt getroffen werden müssen.

Zielhafen Klimaneutralität

Meine These: Rein technisch ist Klimaneutralität in der Schifffahrt machbar. Voraussetzung ist, dass mit den vorhandenen Technologien die Effizienz und somit die CO2-Emissionen systematisch verbessert werden: Höhere Tragfähigkeit und leichtere Bauweise der Schiffe, „Slow Steaming“ also eine niedrigere Dienstgeschwindigkeit, Optimierung des Unterwasserschiffs und der Einsatz besserer Propeller, um mit weniger Leistung gleich schnell fahren zu können, der Einsatz regenerativer Quellen – schließlich hat die Schifffahrt mehrere 1.000 Jahre auf Windkraft gesetzt – sowie der Einsatz verschiedener Treibstoffe sind schon heute möglich. Und für die Zukunft käme dann die Verringerung des fossilen Kohlenstoffgehalts der Treibstoffe hinzu.

Welcher Treibstoff für eine klimaneutrale Schifffahrt?

Die Berechnungen von Experten haben ein breites Portfolio an potenziellen Treibstoffen für die Schifffahrt in 2050 ergeben – sowohl erneuerbaren als auch fossilen Ursprungs. Allerdings sind einige von ihnen aus Sicherheitsgründen heute noch nicht zum Einsatz an Bord zugelassen. Und neben den CO2-Emissionen müssen auch alle Vorgaben zu weiteren Emissionen erfüllt werden.

Ein weitere wichtiger Aspekt ist die Verfügbarkeit, die in vielen Fällen heute noch nicht gegeben ist. Auch im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit lässt sich schwer prognostizieren, welcher Brennstoff sich durchsetzen wird. Darüber hinaus drohen Wettbewerbsverzerrungen, sofern nicht alle Akteure der internationalen Seeschifffahrt denselben Anforderungen zur CO2-Einsparung unterliegen. Denn auch die Frage, wo Kraftstoff gebunkert wird, ist international: Im Sinne möglichst niedriger Frachtraten wird der Treibstoff in dem Hafen gebunkert, der ihn am kostengünstigsten anbietet. Deshalb blicken wir jetzt auf die Politik, die auf entscheidende Faktoren maßgeblich Einfluss nehmen kann und muss.

 

Portrait Dr. Ralf Sören Marquardt Meinung klimaneutrale Schifffahrt

Schiff ist nicht gleich Schiff

Ein weiterer Aspekt: Schiff ist eben nicht gleich Schiff. Vom Kreuzfahrer über international verkehrende Container-Riesen bis hin zu Personen- und Autofähren im Kurzstrecken-Seeverkehr – es herrschen sehr unterschiedliche Randbedingungen und Anforderungen in der Branche. Für Frachtschiffe im weltweiten Verkehr führt wohl auch in Zukunft kaum ein Weg an flüssigen Treibstoffen vorbei, im Idealfall auf Basis von grünem Wasserstoff. Voraussetzung ist aber auch hier, dass internationale Rahmenbedingungen geschaffen werden, was die Bilanzierung der CO2-Emissionen angeht.

Summe einzelner Schritte führt zum Klimaziel

Angesichts eines breiten Spektrums von Transportaufgaben und technischen Optionen ist nicht zu erwarten, dass die Lösung in einer einzelnen Sprunginnovation besteht. Für das Erreichen des 50 Prozent-Meilensteins ist dies auch nicht unbedingt erforderlich. Hierfür reicht es aus, verfügbare Technik evolutionär nutzen und so kleine Erfolge zu großen Schritten aufzusummieren. Die Politik sollte den Kurs Klimaneutralität technologieoffen halten, bis sich abzeichnet, welche Treibstoffe die geeignetsten sind, um die maritime Energiewende zu vollenden.

Wenn folgende Maßnahmen zügig und konsequent umgesetzt werden, sehe ich gute Chancen, dass auch die Schifffahrt in absehbarer Zeit signifikant zum Klimaschutz beitragen kann:

  • Jede verfügbare Technologie zur Effizienzverbesserung nutzen.
  • Umweltschutzanforderungen verschärfen und auch umsetzen.
  • Entwicklung klimaneutraler Kraftstoffe und Technologien forcieren.
  • Sicherheitsvorschriften an Bord beschleunigt anpassen, um den Einsatz alternativer Treibstoffe zu ermöglichen.
  • Politische Förderung grüner Investitionen und Umsetzung einer CO2-Bepreisung.

Mehr Infos zum Verband für Schiffbau und Meerestechnik e.V. (VSM) finden Sie unter www.vsm.de.

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