Klimaschutz an Bord

Bananen aus Südamerika, Kiwis aus Neuseeland: der globale Gütertransport sorgt dafür, dass wir wie selbstverständlich über Produkte verfügen, die aus fernen Ländern stammen. Ohne Schifffahrt geht dabei (fast) nichts. Auf diesem Weg werden rund 90 Prozent aller Waren transportiert – und mehr als zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursacht. Grund genug für einen Wandel. Dabei soll jetzt eine neue, milliardenschwere Initiative den Durchbruch bringen.

Frisches Obst ist nicht nur lecker, sondern auch gesund. Hierzulande besonders beliebt sind Bananen. Nach Äpfeln stehen sie in der Gunst der Deutschen ganz vorn. Rund zwölf Kilogramm verspeisen Bundesbürger pro Kopf im Jahr, so das Statistische Bundesamt. In unseren Supermärkten haben diese Früchte immer „Saison“. Dafür werden sie das ganze Jahr über aus verschiedenen Ländern importiert. Genau das macht exotische Obstsorten jedoch für das Weltklima zu einer eher ungesunden Sache: Laut Berechnungen des Portals Klimatarier ist jeder Deutsche allein aufgrund seines jährlichen Bananenkonsums für 6,84 Kilogramm CO2-Ausstoß verantwortlich. Denn Bananen werden per Schiff transportiert – und die Schifffahrt ist derzeit keineswegs eine saubere Sache: Die Motoren verbrennen vorwiegend Schweröl.

Um die Pariser Klimaschutzziele zu erfüllen, soll die International Maritime Organization (IMO) der Vereinten Nationen dafür sorgen, dass die Treibhausgasemissionen auch im Schiffsverkehr sinken. Bereits 2018 hatten sich die IMO-Mitgliedsstaaten darauf verständigt, die globalen CO2-Emissionen in diesem Bereich absolut im Vergleich zu 2008 bis 2050 mindestens zu halbieren. „Dabei wird von zunehmendem Verkehr ausgegangen, also muss die relative Reduktion deutlich darüber liegen“, erklärt dazu der Schiffsmaschinenbau-Ingenieur Prof. Dr. Friedrich Wirz von der Technischen Universität Hamburg.

Fünf-Milliarden-Fonds für neue Entwicklungen

Die Herausforderungen sind also groß. Um sie zu meistern, hat die Branche im Dezember 2019 vorgeschlagen, selbst einen globalen Forschungs- und Entwicklungsfonds aufzubauen. Dieser Fonds in Höhe von rund fünf Milliarden US-Dollar soll durch Schifffahrtsunternehmen in aller Welt über einen Zeitraum von zehn Jahren über einen verpflichtenden Forschungs- und Entwicklungsbeitrag von zwei US-Dollar pro Tonne Brennstoff finanziert werden. Zu den Zielen gehört der Aufbau einer nichtstaatlichen Entwicklungs- und Forschungsorganisation, die den Weg der Schifffahrt zum „ersten treibhausgasfreien Verkehrsträger“ ermöglichen soll. Dafür wird eine beschleunigte Entwicklung kommerziell nutzbarer Schiffe ohne Treibhausgas-Emissionen zu Beginn der 2030er-Jahre angestrebt. Ob dieser Vorschlag auch umgesetzt werden kann, ist noch offen: Die IMO-Mitglieder werden darüber zunächst im März 2020 in London diskutieren.

Hinter der Initiative steht unter anderem der internationale Schifffahrtsverband ICS (International Chamber of Shipping), dem auch der Verband Deutscher Reeder (VDR) angehört. „Wir wollen als Industrie die Klimaziele der IMO erreichen oder wo möglich sogar übertreffen. Dafür brauchen wir jedoch eine technologische Revolution. Diese wollen wir mit unserem Beitrag beschleunigen“, erklärt dazu VDR-Präsident Alfred Hartmann. 

Neue Kraftstoffe erforderlich

Doch wie genau könnte sich die beabsichtigte technologische Revolution vollziehen? Prof. Wirz nennt im Hinblick auf die Schifffahrt drei theoretische Lösungsansätze: „Erstens muss die Effizienz verbessert werden. Selbst bei Ausschöpfung aller Potenziale ist dabei bei Weitem aber keine Steigerung um mehr als 50 Prozent möglich. Zweitens müssen fossile Kraftstoffe eingesetzt werden, die weniger Kohlenstoff enthalten, so dass bei der Verbrennung weniger Kohlendioxid entsteht. Ein solcher Kraftstoff ist beispielsweise Erdgas. Allerdings liegt dessen CO2-Einspar-Potenzial nur bei 20 bis 25 Prozent.“ Diese beiden Optionen seien daher nicht ausreichend.

„Wir sind uns bewusst, dass es für die Mineralölindustrie kein Zurück zu einem ‚Business as usual‘ mehr geben wird. Klar ist aber auch: Ohne klimafreundliche Kraftstoffe sind die ehrgeizigen EU-Ziele nicht zu schaffen. Wir wollen es dem europäischen Transportsektor daher ermöglichen, durch den Hochlauf CO2-armer flüssiger Kraftstoffe mittel- bis langfristig klimaneutral zu werden.“

John Cooper

Generaldirektor, FuelsEurope

Das Erreichen der IMO-Ziele erfordert somit den Einsatz neuer Treibstoffe, Technologien und Antriebssysteme. Dazu zählen aus Sicht der ICS-Initiative grüner Wasserstoff, Ammoniak, Brennstoffzellen, Batterien sowie synthetische, aus regenerativen Energien erzeugte Brennstoffe.

Neben den letztgenannten E-Fuels werden zudem Biofuels der zweiten Generation als Lösungsoption zum Einsatz kommen. So kündigte die CMA CGM Gruppe, derzeit drittgrößte Containerschiff-Reederei der Welt, kurz vor Weihnachten eine Partnerschaft mit dem Energiekonzern Shell an, um ihre Flotte mit zehntausenden Tonnen Kraftstoff aus Altspeisefett zu versorgen. Die Menge soll für fast eine Million Schiffskilometer ausreichen, was mehr als 80 Hin- und Rückfahrten zwischen Rotterdam und New York entspricht.

Maersk, die weltweit größte Reederei für Containerschiffe, setzt ebenfalls auf mehr Klimaschutz. Ziel ist ein klimaneutraler Schiffsverkehr mit der eigenen Flotte bis zum Jahr 2050. „Der einzige Weg, um die so dringend benötigte Dekarbonisierung in unserer Branche zu erreichen, ist die vollständige Umstellung auf neue CO2-neutrale Kraftstoffe und Lieferketten“, erklärt Søren Toft, Chief Operating Officer von A.P. Moller-Maersk. Angesichts der Lebensdauer eines Schiffes von 20 bis 25 Jahren sei es daher jetzt an der Zeit, sich zusammenzuschließen und die Entwicklung eines neuen Schiffstyps zu beginnen, der 2050 die Meere befahren wird. „Die nächsten fünf bis zehn Jahre werden entscheidend sein“, so Toft.

Auch wenn die Schifffahrtsbranche in Expertenkreisen als sehr behäbig gilt, was Innovationen und Veränderungen angeht, machen diese Bemühungen Hoffnung, dass wir auch in Zukunft nicht aus Klimaschutzgründen auf liebgewonnene Annehmlichkeiten verzichten müssen.

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