Sauberer fliegen

Seit Greta Thunberg mit „Fridays-for-Future“ die Menschen bewegt, kursiert auch ein neuer Begriff in den Medien: Flugscham – oder auf schwedisch, wo die Bewegung ihren Ursprung hat, „Flygskam“. Noch nie gehört? Macht nichts. Denn wenn es nach den Initiatoren des Projektes KEROSyN100 geht, gehört das schlechte Gewissen beim Fliegen bald der Vergangenheit an.

Unbestritten ist, dass Flugreisen in ihrer heutigen Form viele Treibhausgase verursachen. Laut der Europäischen Umweltagentur werden pro Passagier und Kilometer 285 Gramm CO2 freigesetzt. Zum Vergleich: beim Autofahren sind es 104 Gramm und beim Zugfahren 14 Gramm. Aber „Flugscham“ zum Trotz wachsen die Passagierzahlen stetig. Experten prognostizieren, dass in 20 Jahren weltweit wohl doppelt so viele Flugreisende unterwegs sein werden wie heute. Ein Dilemma, wie es scheint. Aber möglicherweise gibt es einen Ausweg.

Denn unter anderem an der schleswig-holsteinischen Westküste sind Wissenschaftler gerade dabei, die Herstellung eines synthetischen Kerosins zu erforschen, das in absehbarer Zeit eine klimaneutrale Alternative zu der fossilen Variante bieten könnte. Dabei handelt es sich um einen synthetischen Kraftstoff, der wie herkömmliches Kerosin im Wesentlichen auch aus Wasserstoff und Kohlenstoff besteht, jedoch einen entscheidenden Vorteil hat: Er verbrennt CO2-neutral. Das heißt, die beim Fliegen freigesetzte Menge CO2 wird im Herstellungsprozess wieder eingebunden. So entsteht ein geschlossener Kohlenstoffkreislauf und weitgehende Treibhausgasneutralität. Sollte es dem Team gelingen, die für den Flugverkehr erforderlichen Mengen zu wettbewerbsfähigen Preisen herzustellen, könnte es dazu beitragen, „den Klimawandel zumindest zu verlangsamen“, erklärt Jürgen Wollschläger, Geschäftsführer der Raffinerie Heide.

„Eine Welt, in der alles vollelektrisch angetrieben wird, wird es nicht geben.“

Jürgen Wollschläger

Geschäftsführer, Raffinerie Heide

Fünf Prozent synthetisches Kerosin in fünf Jahren

Für Wollschläger, der das Forschungsprojekt KEROSyN100 zusammen mit der Universität Bremen und sechs weiteren Partnern aus Industrie und Wissenschaft angestoßen hat, ist das „grüne“ Kerosin für die Luftfahrt alternativlos. „Eine Welt, in der alles vollelektrisch angetrieben wird, wird es nicht geben“, sagt er. Der Grund: Batterien erreichen aktuell weder die Energiedichte von Kerosin, noch sind sie leicht genug. Neulich hätte man in der Raffinerie Heide mal überschlagen, wie es wohl wäre, mit einer elektrisch angetriebenen A380 von Hamburg nach München zu fliegen. „Da bräuchten wir so viele Batterien, dass nur noch eine Handvoll Sitzplätze übrigblieben – und wir müssten das Flugzeug anschließend Stunden, vielleicht Tage lang laden“, erzählt er.

Mit dem CO2-neutralen Kerosin hat der Raffinerie-Chef ehrgeizige Ziele. Schon in fünf Jahren will er fünf Prozent des Flugzeugskraftstoffs am Flughafen Hamburg synthetisch herstellen. Lufthansa hat großes Interesse daran und bereits eine Absichtserklärung zur Abnahme unterzeichnet. Damit möchte die Airline ihre Klimabilanz verbessern. Der Einsatz von alternativen Kraftstoffen sei laut Lufthansa-Sprecher Steffen Milchsack jedoch grundsätzlich an eine Reihe von Voraussetzung geknüpft: „Die Qualität muss genau so gut wie bei herkömmlichem Kerosin sein, es muss nachhaltig produziert sein – und der Preis muss stimmen.“ Dabei hätte das Kerosin sogar noch einen weiteren Vorteil: Die Fluglinien könnten damit ihre komplette Infrastruktur und damit auch ihre Flugzeuge eins-zu-eins und ohne größeres Umrüsten weiternutzen. 

Insgesamt also gute Aussichten für alle, die an „Flygskam“ leiden oder – Achtung, neuer Trend-Begriff aus Schweden – „Smygflyga“ praktizieren: So wird es dort genannt, wenn Leute auf die aufgestellte Forderung nach Flugverzicht pfeifen und „still und heimlich“ weiterfliegen.

 

Herstellung des klimaschonenden Kerosins ist aufwändig

Bis der neue Kraftstoff allen genannten Anforderungen entspricht, haben die Forscher aber noch einiges zu tun. „Für die Herstellung des strombasierten Kerosins benötigen wir ausreichend grünen Strom, beispielsweise aus Windenergie- oder Photovoltaik-Anlagen“, sagt Projektleiter Timo Wassermann von der Universität Bremen. Hier profitiert das Team vom Standort der Raffinerie Heide an der schleswig-holsteinischen Küste, wo gleich hunderte von Windrädern reichlich regenerative Energie produzieren.

Aber auch die Frage, woher das CO2 komme, sei noch spannend. Es direkt aus der Luft zu beziehen sei aufwändig, so der Experte. In Frage käme zum Beispiel der Abgasstrom eines nahegelegenen Zementwerkes, das im Gegenzug den freiwerdenden Sauerstoff aus der Elektrolyse in der Produktion nutzen könnte. „Hier sehen wir uns gerade noch sehr genau verschiedene CO2-Quellen und Verfahren an“, sagt Wassermann.

Neben Flugzeugen benötigen auch Schwer- und Langstreckentransporter sowie der Schiffsverkehr alternative Fuels. Für PKW und Heizungen bieten synthetische flüssige Energieträger ebenfalls eine klimaneutrale Perspektive. „Für eine weitgehend treibhausgasneutrale Energieversorgung werden synthetische Kraftstoffe in Zukunft unverzichtbar sein“, betont Wollschläger.

Ob oder wie viel das Fliegen und Fahren dadurch teurer wird? Fest steht, dass weder nachhaltige Mobilität noch neue Technologien oder erneuerbare Ressourcen zum Nulltarif zu haben sind. Für einen erfolgreichen Markthochlauf und wettbewerbsfähige Preise bedarf es, neben den vielfältigen Forschungsaktivitäten und Reallaboren, jetzt dringend geeigneter Markteinführungsprogramme. Außerdem müssen die regenerativen Kraftstoffe in den entsprechenden Gesetzen und Verordnungen anerkannt werden. Hier ist vor allem die Politik gefordert.

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