Podcast: Wie können wir klimafreundlicher heizen?

Klimafreundlich und sparsam heizen: Ein wichtiger Aspekt, um die eigene Klimabilanz zu verbessern. Denn, die meisten CO2-Emissionen, die jeder im privaten Leben erzeugt, entstehen durchs Wohnen, vor allem durch Wärme- und Stromverbrauch. Welche Lösungen in Frage kommen und welche Rolle flüssige CO2-arme Brennstoffe dabei spielen können, darüber sprechen wir in dieser Episode des „Future Fuels Podcasts“ mit Christian Halper, Projektleiter beim IWO.

Rund 20 Millionen Menschen in Deutschland haben es warm dank einer Ölheizung. Der Anteil von Öl an der Wärmeerzeugung ging in den letzten Jahren zwar langsam zurück. Millionen Haushalte haben aber kaum eine sinnvolle Alternative zum Öl – oder besser gesagt zu einem flüssigen Energieträger, der sich einfach und platzsparend im eigenen Haus bevorraten lässt: Vor allem in ländlichen Regionen gibt es vielerorts keinen Gasanschluss oder keine Fernwärme.

Wie sollen also all die, bei denen bisher eine Ölheizung im Keller steht, in Zukunft ihren CO2-Ausstoß reduzieren? Welche Konzepte machen Sinn und – welche sind realistisch?

Dazu im Interview Christian Halper, der beim Institut für Wärme und Oeltechnik diverse Modellvorhaben leitet, in denen klimaschonendes Heizen mit Öl-Hybridsystemen und CO2-reduzierten flüssigen Brennstoffen in der Praxis erprobt wird.

Innovative Heizkonzepte: Effizient, erneuerbar, treibhausgasreduziert

Herr Halper, worum genau geht es bei den Modellvorhaben?

Christian Halper: „Bei dem Modellversuch, den wir in typischen Ein- und Zweifamilienhäusern durchführen, geht es darum die CO2-Emissionen der Gebäude bei ihrer Wärmeversorgung zu reduzieren. In den Häusern gibt es nach wie vor ein zentrales Heizsystem sowie einen Öltank. Was wir in diesem Modellversuch verändert haben, ist der Brennstoff, der als eigener Energievorrat im Keller lagert.“

Wie ist denn das Feedback der Teilnehmer an dem Modellversuch? Wie stehen die denn aktuell zum Thema Heizen mit Öl?

Christian Halper: Ich glaube, alle wollen unsere Welt erhalten, für sich selbst, für die kommenden Generationen. Der Wunsch, CO2 einzusparen und damit zum Klimaschutz beizutragen ist wohl bei nahezu bei allen Menschen vorhanden. Deshalb haben wir bei allen Gebäudeeigentümern, die wir für dieses Modellvorhaben angesprochen haben, eigentlich offene Türen eingerannt: mit der Idee, wie ihr bisher rein fossiler Brennstoff anteilig erneuerbar werden kann, um somit die CO2-Emissionen beim Heizen zu reduzieren. Ich glaube auch, dass viele Menschen, die heute mit fossilen Energieträgern heizen – das kann Öl aber auch Gas sein – schon ein Stückweit ein schlechtes Gewissen haben oder zumindest den Wunsch haben, das künftig zu ändern. Die Frage lautet also: Was muss ich tun, damit die CO2-Emissionen, die ich verursache, sinken?

Das bedeutet doch sicherlich, dass man neue Technik braucht?

Christian Halper: „Nicht unbedingt. Nach allem, was wir heute aus der Brennstoff-Forschung und aus unserem Modellvorhaben wissen, wird es sehr wohl möglich sein, mit der aktuellen Gerätetechnologie auch künftige treibhausgasreduzierte Energieträger zu nutzen und so die CO2-Emissionen zu senken oder langfristig sogar ganz zu vermeiden. In unserem Fall handelt es sich bei der Gerätetechnologie um effiziente Öl-Brennwertgeräte. Das heißt, wer heute in ein neues Öl-Brennwertgerät investiert, der wird das auch künftig nutzen können. Das, was sich ändern wird, ist der Brennstoff.“

Ölheizung der Zukunft

Verfolgt man die Politik oder liest man die Schlagzeilen in den Medien, könnte man meinen, dass es bald gar keine Ölheizungen mehr geben soll.

Christian Halper: „Ich glaube schon, dass es zukünftig immer noch Heizsysteme geben wird, die auf einen flüssigen Energieträger setzen. Vielleicht nennt man die dann nicht mehr ‚Ölheizung‘. Und auch der eingesetzte Brennstoff, das Heizöl, wird künftig voraussichtlich zu immer geringeren Anteilen aus fossilen Quellen und stattdessen zunehmend aus erneuerbaren Quellen stammen. Aber was aus meiner Sicht erhalten bleiben wird, ist ein flüssiger Energieträger, weil das ein sehr guter und bewährter Energiespeicher ist.“

Seitdem die Bundesregierung das Klimapaket vorgelegt hat, ist häufig von einem ‚Ölheizungsverbot‘ die Rede. Was ist denn genau erlaubt und was ist verboten?

Christian Halper: „Brennstoff und Heizgerät werden meist als Einheit verstanden werden – was sie aber gar nicht zwangsläufig sind. Und wenn die Zeitungen im Zusammenhang mit dem Klimapaket oder dem neuen Gebäudeenergiegesetz von einem Ölheizungsverbot schreiben, dann ist genau genommen gemeint, dass in der Energieversorgung von Gebäuden immer weniger fossile Energieträger zum Einsatz kommen sollten. Wirft man einen Blick in das Gebäudeenergiegesetz, wird man feststellen, dass dort von gar keinem Verbot die Rede ist. Sondern: wer nach dem Jahr 2026 sein Heizsystem modernisiert, darf dann nicht wieder ein rein fossiles Heizsystem einbauen, sondern er muss zumindest anteilig erneuerbare Energien mit einbinden. Und das kann zum Beispiel erfolgen, indem das neue Ölgerät mit einer Solarthermieanlage kombiniert wird.“

Mit welchen aktuellen technischen Lösungen fürs Heizen, lassen sich denn die ehrgeizigen Klimaschutzziele erreichen? Das treibhausgasreduzierte Heizöl ist ja noch nicht in großen Mengen verfügbar.

Christian Halper: „Im ersten Schritt, also heute, geht es darum, den bisherigen Energieverbrauch möglichst weit zu reduzieren. Das geht zum Beispiel indem ich das Gebäude mit einer besseren Dämmung versehe. Denn ein gut gedämmtes Gebäude hat weniger Wärmeverluste und wenn ich weniger Wärmeverluste habe, muss ich auch weniger heizen. Der Energieverbrauch sinkt aber auch, wenn ich ältere, wenig effiziente Heiztechnik durch ein modernes Heizgerät wie zum Beispiel ein Öl-Brennwertgerät ersetze.

Der zweite Schritt, der auch schon jetzt machbar ist, wäre, dass ich im Zuge der Modernisierung meines Heizsystems auch erneuerbare Energien einbinde. Da bietet sich bei uns hier in Deutschland die Sonnenenergie an: Entweder in bewährter Form als Solarthermie für die reine Wärmeversorgung. Oder mit einer Photovoltaikanlage – deren Solarstrom kann ich nutzen, um entweder im Heizsystem Wärme zu erzeugen oder um meine Elektrogeräte im Haus zu betreiben.

Effizienzmaßnahmen und Einbindung regenerativer Energien bringen den Energieverbrauch schonmal spürbar runter – dann habe ich aber immer noch einen Restenergiebedarf. Warum ist das so? In Deutschland gibt es eben Sommer und Winter. Winter haben wir deshalb, weil die Sonne in dieser Zeit deutlich weniger Kraft hat als im Sommer. Und das führt eben dazu, dass ich im Winter heizen muss.

Wo also kann ich im Winter die Wärme herbekommen? Wegen der geringeren Sonneneinstrahlung fallen Solar- und Photovoltaikanlage aus. Ich brauche somit noch eine Energie, die auch im Winter verfügbar ist. Und da bietet sich wieder unser flüssiger Energieträger an: Den kann ich problemlos im Haus bevorraten und immer dann zum Einsatz bringen, wenn es draußen kalt ist und die Sonne nicht mehr genug Energie liefert. Und genau an dieser Stelle werden dann zukünftig – quasi als dritter Schritt – CO2-reduzierte flüssige Energieträger zum Einsatz kommen.“

Kann man diesen Weg auch schrittweise gehen, also Stück für Stück modernisieren?

Christian Halper: „Ja, das ist ein großer Vorteil bei dieser Strategie. Es gibt natürlich Gebäudebesitzer, die das heute schon alles in einem Schritt machen können. Die haben ausreichende Ersparnisse, um eine umfassende Gebäudesanierung zu finanzieren und so auf einen Schlag den für 2050 anvisierten, nahezu klimaneutralen Gebäudestandard zu erreichen. Die breite Masse der Gebäudeeigentümer macht das aber wahrscheinlich eher schrittweise und das häufig aus finanziellen Gründen. Die gucken: Wie weit reichen meine Ersparnisse gerade? Was kann ich in mein Haus investieren? Und dann beginnen sie mit der Maßnahme, wo der Bedarf am höchsten ist und wo sie mit dem investierten Geld die höchste Einsparung erzielen. So kann man Stück für Stück, immer wenn die Finanzen es hergeben, einen Sanierungsschritt nach dem anderen gehen und sich allmählich dem 2050-Zielzustand annähern.“

Das klingt auf jeden Fall interessant, aber mit den verschiedenen Komponenten auch ein bisschen kompliziert. Ist denn die Wärmepumpe, die gerade im Neubau eingesetzt wird, nicht doch unterm Strich einfacher als Hybridsysteme?

Christian Halper: „Alle suchen immer nach einfachen Lösungen. Das ist ja auch legitim. Aber wenn man genauer hinguckt, stellt man fest, dass es beim Thema Energieversorgung bzw. Wärmeversorgung von Gebäuden eben keine einfachen Lösungen gibt. Nehmen wir mal das Beispiel Wärmepumpe. Dieses Heizsystem fasst speziell im Neubau immer stärker Fuß und hatte im vergangenen Jahr dort deutschlandweit die höchste Marktabdeckung. Im Neubau ist das auch sinnvoll: Dort habe ich schon einen Dämmstandard, der quasi dem entspricht, was wir 2050 brauchen, und nur noch einen sehr geringen Wärmebedarf. Hinzu kommt, dass ich im Neubau einfach große Flächenheizungen installieren kann, oft Fußbodenheizungen, aber auch Wand- oder Deckenheizungen. Bei diesen großen Heizflächen reichen sehr niedrige Vorlauftemperaturen im Heizsystem, um das Gebäude ausreichend mit Wärme zu versorgen.

Diese beiden Aspekte: gute Dämmung, also geringer Wärmebedarf und das Ermöglichen von niedrigen Heizsystemtemperaturen durch Flächenheizsysteme, sind die Voraussetzung, um Wärmepumpen vernünftig und wirtschaftlich betreiben zu können. Diese Gegebenheiten hat man entweder im Neubau oder in einem umfassend und energetisch tipptopp sanierten Bestandsgebäude. Wenn wir uns aber die breite Masse der Gebäude in Deutschland anschauen, dann sind wir davon noch sehr weit entfernt.“

Für wen ist denn die Hybridtechnik, die in dem Modellversuch gerade erprobt wird, die richtige Lösung?

Christian Halper: „Eine Hybridversion, die wir uns genauer angeschaut haben, besteht aus der Kombination von einem Öl-Brennwertgerät, einer Photovoltaikanlage und einer Warmwasser-Wärmepumpe. Dieses System ist aus unserer Sicht besonders interessant für viele bestehende Gebäude.  Denn durch das Ölbrennwertgerät können bei Bedarf problemlos auch hohe Heizsystemtemperaturen bereitgestellt werden. Das ist wichtig für die kalten Wintertage und für die noch nicht optimal gedämmten Bestandsgebäude.

Im Sommer, wenn es viel Sonne gibt und die Photovoltaikanlage viel Solarstrom produziert, kann ich den Solarstrom, den ich nicht für Elektrogeräte wie Computer, Fernseher oder Haushaltsgeräte nutze, für die Warmwasser-Wärmepumpe nutzen. Umgekehrt kann die Warmwasser-Wärmepumpe dank des Öl-Brennwertgeräts im solarstromarmen Winterhalbjahr ausgeschaltet bleiben – das verringert den kostenpflichtigen Bezug von externem, fossilem Strom. Da dieses System technisch vergleichsweise einfach ist, lässt es sich leicht installieren, ist kostengünstig und macht sich entsprechend schnell bezahlt.“

Fast jeder vierte Haushalt in Deutschland heizt aktuell mit Öl. Wenn wir jetzt ein bisschen in die Zukunft schauen wollen, Herr Halper, wie ist denn Ihre Prognose? Wie wird das in Zukunft sein?

Christian Halper: „Ich glaube, dass die Gebäudebesitzer, die heute mit Öl heizen, mehr und mehr auf diesen Weg einschwenken: Effizienz steigern durch moderne Gerätetechnik und verbesserte Dämmung, zunehmende Einbindung erneuerbarer Energien und – wenn es so weit ist – den Restbedarf mit treibhausgasreduzierten Brennstoffen decken. Der Druck, jetzt die ersten Schritte zu machen, steigt ja gerade – auch durch das kommende Gebäudeenergiegesetz. Denn so wie es jetzt aussieht, habe ich ab 2026 ja gar nicht mehr die Option, einen rein fossil betriebenen Heizkessel einzubauen. Ein Blick über den Tellerrand nach Europa zeigt aber auch: Um den vorhandenen großen Energiebedarf zu decken, brauchen wir eine Vielzahl an Lösungen, um am Ende das System stabil zu halten und die Energieversorgung sicher zu stellen.

Vielen Dank für das Gespräch!

6 Kommentare

  1. Heike Brandt

    Danke für diesen Beitrag, gut das es Menschen gibt die sich für die Zukunft einsetzen !!!

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  2. Hubertus Keiling

    betr. Öl- Brennwertkessel
    Einfach nur einen Öl-Brennwertkessel zur Verwendung mit Heizöl zu empfehlen ist suboptimal, irreführend und eigentlich falsch, denn über 90% der in Deutschland installierten Brennwertkessel nutzen überhaupt nicht den Brennwerteffekt im physikalisch möglichen Umfang, da der im Abgas enthaltene Wasserdampf am Rücklauf, der im Altbau i.d.R. eine Rücklauftemperatur von 50 bis 65 C° hat, garnicht oder nur teilweise kondensieren kann, denn der Taupunkt von Öl (47°C) Gas ( 58 °C) macht ist der limitierende Faktor.

    Nur im Neubau oder nach einer energetischen Komplettsanierung, wenn der Rücklauf garantiert ganzjährig weit unter 45C° bleibt, kann die „übliche = rücklaufkondensierende“ Brennwerttechnik Energie sparen.
    Wenn man einen zielführenden Rat zum Gas/ Ölkesseltausch in Bestands-/Altbauten abgeben wil, muss man ebenfalls den „nichtrücklaufkondensierenden Brennwertkessel“ ansprechen. Nur diese Technik läuft garantiert ganzjährig im Brennwertbereich, denn es wird an einem Luftwärmetauscher kondensiert. Und zwar mit dem zusätzlichen Einspareffekt: je kälter es draußen wird, um so effektiver wird kondensiert.
    Dieses „Vetterprinzip“ ist eine deutsche Erfindung vor ca. 40 Jahren und hat mir seit den 80er Jahren gegenüber anderen Gas/Öl- Kesseln bis zu 20% pro Jahr eingespart.
    Das Schlimme für die Umwelt ist, dass es offensichtlich dem Teil der deutschen Heizungsindustrie, die nur rücklaufkondensierende Brennwertkessel produziert, gelungen ist, die Bundesregierung/ KfW dazu zu bringen, dass die Brennwerttechnik undifferenziert betrachtet wird. d.h. es werden mit Fördermitteln Altkessel getauscht und die Emissionen bleiben unnötig hoch, weil fachlich undifferenziert empfohlen und somit suboptimal gefördert wird.
    Leider reflektiert IWO unkritisch diese Empfehlung und es wäre seriöser, die Thematik Brennwerttechnik differenzierter zu veröffentlichen, dann hätte der Verbraucher die Chance, seine Kaufentscheidung so zu fällen, dass er aus jedem Liter Heizöl mehr Wärmeenergie rausholt.
    Die weiteren Themen ( Wärmepumpe, Hybridtechnik, etc.) des Verfassers sind m.E. gute Diskussionspunkte.

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    • Dipl.-Ing. oec. Lambert Lucks, Technischer Leiter beim IWO, Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Heizölverbrauchertankanlagen und Heizöle, Sachverständiger nach AwSV für Heizölverbraucheranlagen

      Herzlichen Dank für den umfangreichen Kommentar, erlaubt dieser doch, gleich eine ganze Reihe von Missverständnissen und Irrtümern aufzuklären.

      Beginnen wir mit dem Taupunkt: Es ist richtig, dass der Taupunkt beim Abgas aus einer Erdgasverbrennung bei zirka 58 °C liegt. Das bedeutet, dass die Kondensation gerade erst beginnt. Sie werden mir zustimmen, dass, wenn dann das Abgas meinethalben mit 57 °C das Erdgas-Brennwertgerät verlässt, wir cirka 1 % Abgasverlust und cirka 10 % Brennwertverlust haben. (Um den vollen Brennwert zu nutzen, müsste das Abgas auf 25 °C abgekühlt werden.) Wenn nun bei einem Öl-Brennwertgerät das Abgas das Gerät mit 57 °C verlässt, kondensiert kein Wasserdampf – allerdings sind die Verluste geringer: 1 % Abgasverlust und zirka 6 % Brennwertnutzen gehen ungenutzt verloren. Ein Öl-Brennwertgerät mit 57 °C Abgastemperatur ist aufgrund der geringeren Verluste an diesem Punkt sogar effizienter als ein vergleichbares Gas-Brennwertgerät. Das mag nun spitzfindig erscheinen, offenbart aber den Trugschluss, dem man aufsitzt, wenn man mit unsinnigen Wirkungsgraden über 100 % „rechnet“. Bezogen auf den Brennwert haben Gas-Niedertemperaturgeräte bei 58 °C Abgastemperatur einen höheren Verlust.

      Kommen wir zu den Rücklauftemperaturen. Leider werden die Rücklauftemperaturen immer noch an der sogenannten Spreizung gedanklich „festgemacht“. Diese sieht dann für eine Vorlauftemperatur von 70 °C eine Rücklauftemperatur von 50 °C vor. Diese 20 Kelvin Temperaturdifferenz dien(t)en aber zur Dimensionierung der Heizkörper. Die Heizkörper müssen also für den „kältesten“ Tag dimensioniert werden und sind daher an 364 Tagen quasi überdimensioniert. Zudem wird die Vorlauftemperatur in Abhängigkeit von der Außentemperatur geregelt. Praktisch genügt der Griff an die Rücklaufleitung des Heizkörpers. Durch die Überdimensionierung, abgesenkte Vorlauftemperatur und weil das Thermostatventil den Durchfluss drosselt – liegt die Rücklauftemperatur in der Praxis quasi nur knapp über der Raumtemperatur. Das setzt allerdings voraus, dass die Installation ohne Bypass-Leitung bzw. Überströmventil installiert ist. Diese Bypass-Leitung braucht bei elektronisch geregelten Pumpen sowieso kein Mensch mehr.

      Kommen wir zum „Vetter-Kessel“. Ganz unbenommen hat Herr Vetter wichtige Pionierarbeit für die Brennwerttechnik geleistet und es ist auch richtig, dass bei der Öl-Brennwerttechnik nach Vetter auch bei der Warmwasserbereitung und Vorlauftemperaturen von 70 °C eine Abgastemperatur von 45 bis 48 °C realisiert wird. Aber dann stoßen wir an eine Grenze, die sich nicht sofort erschließt. Beim Vetter-Prizip wird die Verbrennungsluft vom Abgas vorgewärmt – und dabei kühlt sich das Abgas ab. So weit, so gut und auch richtig: Je kälter es draußen ist, umso mehr kann ich die Verbrennungsluft vorwärmen. Volumenmäßig wird zwar mehr Abgas das Gerät verlassen, weil ja Wasserdampf bei der Verbrennung entsteht, aber das lassen wir mal außer Acht. Solang es also nur sensible Wärme ist, die zwischen Verbrennungsluft und Abgas „getauscht“ wird, trifft ihr Einwand zu. Nun muss aber bei der Brennwerttechnik bei Erdgas 11 % und bei Heizöl 6 % latente Wärme aus der Kondensation in das System eingebracht werden. In der Verfahrenstechnik nennt man den Taupunkt in Wärmetauschern durchaus zurecht „Haltelinie“, und genau die sehen Sie bei einem Vetter-Kessel. Die spezifische Wärmekapazität cp von Luft kann man vereinfacht mit 1 J /(g K) annehmen. Einen Kubikmeter Luft nehmen wir auch mit 1 kg an, so dass wir für die Temperaturerhöhung von einem Kubikmeter Luft 1 kJ je Kelvin bräuchten. Bei der Abgastemperatur von 48 °C beginnt zusätzlich die Kondensation mit weiteren 2,46 MJ/kg Kondensat. Je Liter Heizöl entsteht zirka ein Liter Kondensat. Und jetzt hat man das Problem: Wie bringe ich die zusätzliche Wärme im die Verbrennungsluft? Insbesondere, weil ja auch die in ihrem Volumen limitiert ist.

      Versuchen wir es an einem Beispiel: 10 Kubikmeter Verbrennungsluft mit 0 °C (also trocken) werden im Gegenstrom ideal von einem Abgasstrom mit 100 °C vorgewärmt. Idealerweise wäre dann die Verbrennungsluft auf 100 °C vorgewärmt und der Abgasstrom (trocken) würde mit 0 °C am Schornsteinkopf austreten.

      Dabei würden für 10 Kubikmeter und 100 °C Temperaturdifferenz 1 MJ auf die Verbrennungsluft übertragen. In den 10 Kubikmetern Abgas ist eine latente Wärme von 1 Kilogramm Kondensat, d. h. 2,46 MJ ! Also nochmal fast das Zweieinhalbfache! Sie können ja mal zurückrechnen: Wieviel Kelvin Temperaturdifferenz bräuchten Sie, um die 100 °C Vorwärmtemperatur zu erreichen? 3,46 MJ (1 MJ aus sensibler Wärme und 2,46 aus latenter Wärme), 10 Kubikmeter mit 10 Kilogramm Gewicht: Q=m+cp+dT  Q/(m+cp) = 346 Kelvin… Das ist eine auf den ersten Blick so irre Zahl, dass man es nicht glauben möchte… Aber das Vetter-Prinzip ist durch die Verbrennungsluftkühlung leider limitiert (ich hatte das vor mehr als 20 Jahren schon in meiner Diplomarbeit geschrieben).

      Das deckt sich auch mit meinen praktischen Erfahrungen. Ich habe zwölf Jahre lang ein Öl-Brennwertgerät mit Verbrennungsluftkühlung betrieben und nutze nun seit acht Jahren ein rücklaufgekühltes System. Das rücklaufgekühlte System ist dauerhaft in Summe cirka 8 % effizienter.

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  3. Paul-Gerhard Wagner

    Heizöl ,CO2 armer Brennstoff
    Viele Öl fördernde Länder,die mit Deutschland Warengeschäfte tätigen, müssten bei einem Ölheizungsverbot und damit fehlenden Deviseneinnahmen von Handelsbeziehungen Abstand nehmen. Erdöl als CO2-Verursacher auf den Index gesetzt bedeutet, dass viele Industriezweige ihren Betrieb einstellen müssten,vor allen die Heizkesselbranche aber auch die Heizungsbauer. Die Siedlungs-und Verkehrsflächen in Deutschland werden täglich auf ca. 63 ha am Boden versiegelt.
    Das bedeutet eine Verkleinerung der Retentionsfläche bzw. des Grund und Bodens. Wird in dieser Erkenntnis das Bauen reduziert? Ersatzflächen werden nur auf dem Papier geschaffen.

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  4. Hubertus Keiling

    Vielen Dank für ihre ausführlichen Erläuterungen, die noch dahin zu ergänzen sind, dass die erwähnte Verbrennungsluftanwärmung ein weiterer Vorteil des nichtrücllaufkondensierenden Brennwertkessels ist, denn es wirkt noch die Entalphieerhöhung d.h. die Brennerflamme ist heisser als bei der rücklaufkondensierenden Brennwerttechnik und verbessert den Wirkungsgrad des Vollbrennwertkessels zusätzlich.

    Das Prinzip ist auch so in der Literatur beschrieben. siehe VDI Verlag 1996 „Untersuchungen von Heizanlagen mit Abgaskondensation unter besonderer Berücksichtigung des PAVE-Prozesses“
    Quelle: http://www.vollbrennwerttechnik.de/technik/technik.html
    Das ist die Internetseite eines Physikers, der sich mit dem Thema ausführlich fachlich auseinander gesetzt hat.

    Ich hoffe, dass sie diesen Vorteil der Temperaturerhöhung /Enthalphieerhöhung auch in ihrer Diplomarbeit erwähnt hatten.
    Trotzdem dienen ihre Ausführungen nicht dem typischen Altbaubesitzer einer z.B. 80/60 °C Altanlage als Entscheidungsgrundlage für einen optimalen Heizkesseltausch,
    wenn die IWO undifferenziert „effiziente Öl-Brennwertgeräte“ empfiehlt.

    Also muss die allererste Frage vor einem Kesseltausch lauten:
    Wie hoch ist die zu erwartende Rücklauftemperatur ?

    Wenn man diese Frage nicht stellt, kann man nicht das wirklich effiziente Öl-Brennwertgerät auswählen.

    Ein Öl-Brennwertgerät ist ein Single-Produkt und wird durch die Verbindung mit der Heizperipherie zu einem „Heizungssystem“, das nur energieeffizient betrieben werden kann,
    wenn die Voraussetzungen stimmen.
    Ihre eigene Öl-Heizung würde nicht so effizient arbeiten, wenn die Voraussetzung (Rücklauftemperatur < 47 °C ) nicht gegeben wäre.

    Wenn man also die Heizsystem-Pheripherie (im ungünstigsten Fall Einrohr- Radialheizkörper) nicht so anpassen kann/will, dass die Rücklauftemperatur unter dem Taupunkt bleibt,
    dann ist der „ Vetter- Kessel“ alternativlos. (dieses Kesselprinzip wird von einigen deutschen Herstellern hergestellt und vertrieben)
    Ich hatte mich zwangsläufig beim Hausneubau und einer Altbausanierung mit diesem Thema schon in den 80er Jahre beschäftigt, weil ich festgestellt hatte, dass weder Heizungsinstallateure noch Architekten oder Gebäudeplaner/ Sachverständige in dieser Materie hinreichend auskennen.

    Fazit: Aktuelle rücklaufkondensierende Öl- Brennwertgeräte sind in sich keine 100 %ige Garantie für Energieeffizienz,
    denn erst das Zusammenspiel mit der im Gebäude vorhandene Heizungsperipherie bestimmt das Einsparungs- und Umweltnutzenpotential.

    Seriöserweise sollte der Endverbraucher VOR dem Kauf eines Öl-Brennwertgerätes auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht werden.

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    • Dipl.-Ing. oec. Lambert Lucks, Technischer Leiter beim IWO, Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Heizölverbrauchertankanlagen und Heizöle, Sachverständiger nach AwSV für Heizölverbraucheranlagen

      Sehr geehrter Herr Keiling,

      alle Ihre Ausführungen treffen zu. Und ich hatte ja auch auf die Erfordernis der Rücklauftemperaturen hingewiesen – aber wie gesagt, da reicht ein Handgriff an die Rücklaufleitung und selbstverständlich darf es keine Kurzschlussleitung mit Überströmventil geben.
      Hinsichtlich der „undifferenzierten“ Empfehlung der Öl-Brennwerttechnik müssen wir um Verständnis bitten, dass unser Diskurs einigen Endverbrauchern und auch wenigen Fachleuten rätselhaft bleibt. Insofern ist es doch in unser beider Sinne, dass überhaupt Brennwerttechnik zum Einsatz kommt. Zu guter Letzt: Bei der Trinkwassererwärmung auf 55 °C hat die Vollbrennwerttechnik mit Abgastemperaturen unter 50 °C die Nase vorn.

      Mit freundlichen Grüßen

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