Öl aus Plastikmüll

In Sachen Recycling geht ein österreichisches Unternehmen neue Wege: Der Energiekonzern OMV hat ein Verfahren entwickelt, mit dem aus Plastikabfällen synthetisches Rohöl gewonnen werden kann.

Die Vermüllung der Meere mit Plastik ist allgegenwärtig. Nach Berechnungen der Ellen-McArthur-Stiftung landet jede Minute eine Lkw-Ladung Plastikmüll in den Meeren. Dabei ist Altplastik ein wertvoller Rohstoff. Während für PET (Polyethylenterephthalat), das hauptsächlich für blasgeformte Flaschen verwendet wird, zumindest in Europa schon Recyclingsysteme existieren, ist dies bei vielen anderen Kunststoffarten nicht der Fall.

Die OMV hat ein Verfahren entwickelt, mit dem auch diese Restkunststoffe wiederverwendet werden können. Die Kunststoffe werden dazu in geeignete Bausteine zerlegt, um daraus wieder neue Kunststoffe oder hochwertige Treibstoffe herzustellen. Die OMV nutzt dazu ihre eigene Raffinerie in Schwechat bei Wien.

 

Patentiertes ReOil®-Verfahren

Grafik: OMV

Bei dem ReOil® genannten Verfahren werden gebrauchte Plastikverpackungen und -folien aus Polyethylen, Polypropylen oder Polystyrol bei moderatem Druck und 400 °C zu synthetischem Rohöl verflüssigt. Die langkettigen Kohlenwasserstoffe wandeln sich dabei in kürzere um, wie sie für Rohöl typisch sind. Das synthetische Rohöl kann dann mit mineralischem Rohöl zusammen zu flüssigen Kraft- oder Grundstoffen für die chemische Industrie raffiniert werden. Ein Vorteil: Der Kunststoff ist bereits so hergestellt worden, dass er frei von schweren Bestandteilen wie Schwefel ist. Das kommt auch dem synthetischen Öl zugute. Es ist schwefelfrei, im Siedebereich leichter als fossiles Rohöl und wasserstoffreicher. Damit ist es qualitativ sogar hochwertiger als fossiles Rohöl.

Aus einem Kilogramm Abfall kann ein Liter Kraftstoff entstehen. Die OMV beschäftigt sich schon seit 2011 mit der Rohölrückgewinnung aus Altplastik. Eine Herausforderung dabei ist der hohe thermische Energiebedarf. Da Kunststoff ein schlechter Wärmeübertrager ist, braucht es hohe Temperaturen über längere Zeit, bis sich das Material auflöst.

Bereits zur Verfügung stehende Verfahren genügten den Ansprüchen der Österreicher nicht. Deshalb entwickelten sie mit ReOil® ihr eigenes Verfahren. Dessen Besonderheit ist die Verwendung eines Lösungsmittels, um die Viskosität zu reduzieren. Dadurch wird die Wärmeübertragung verbessert. „Das Lösungsmittel befindet sich in der Anlage in einem Kreislauf, ist also bereits heiß. Es wird gleich am Anfang des Prozesses mit dem Kunststoff vermischt, unterstützt hier das Erhitzen und senkt durch einen verbesserten Wärmeübergang die notwendige Energie“, erklärt Wolfgang Hofer Experte für neue Technologien bei der OMV. Außerdem wäre die reine Kunststoffmasse zu zäh für den Transport durch die Rohre. Durch das Beimengen des Lösungsmittels bekommt man dieses Problem in den Griff. Für dieses Verfahren besitzt die OMV aktuell Patente in Europa, Neuseeland, Mexiko, Indien, China und weiteren Ländern.

Diese Kunststoffabfälle werden in der ReOil® Anlage zu synthetischem Rohöl verarbeitet. (Foto: OMV)

Das Endprodukt aus dem OMV-Projekt ist ein hochwertiges Rohöl, das direkt in der Raffinierie weitervearbeitet wird. (Foto: OMV)

Die ReOil® Anlage in der OMV-Raffinierie in Schwechat verarbeitet derzeit stündlich 100 Kilogramm Plastikabfall zu synthetischem Rohöl. (Foto: OMV)

Weniger Treibhausagse

Das deutsche Umweltbundesamt untersuchte die Anlage und hat errechnet, dass „durch die Substitution von klassischem Rohöl durch synthetisches Rohöl im Raffinerieprozess eine Reduktion von ca. 45 Prozent der Treibhausgasemissionen bei einem ca. 20 Prozent geringeren Energieeinsatz möglich“ sei.

Nach Einschätzung von Hans Leibold, Experte für Brennstoffaufbereitung und Gasbehandlung am Karlsruher Institut für Technologie, kann das ReOil®-Verfahren einen guten Beitrag zur Verwendung von Kunststoffabfällen leisten: „Es ist auf jeden Fall CO2-sparender, Altkunststoffe in der Raffinerie stofflich zu recyceln, als diese zu verbrennen“, sagt Leibold in einem Beitrag der Tageszeitung „Rheinische Post“.

Größere Anlage wird folgen

10 Millionen Euro hat die OMV an der Raffinerie Schwechat für die aktuelle Pilotanlage mit 100 Kilogramm Verarbeitungskapazität investiert. Daraus soll bis 2025 eine noch größere industrielle Anlage konzipiert werden, die 25.000 Kilogramm Kunststoffabfälle je Stunde oder 200.000 Tonnen im Jahr verarbeiten kann.

Die ReOil®-Technologie kann helfen, die Plastiknutzung nicht in der Sackgasse Müllverbrennung oder Vermüllung der Meere enden zu lassen. Sie steht für eine intelligente und nachhaltige Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe mit großem Klimaschutzpotenzial. Das Verfahren senkt den Verbrauch von fossilem Öl und ist eine weitere Option für die Erzeugung treibhausgasreduzierter Kraftstoffe.

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