Energiepartnerschaften und Abkommen für grünen Wasserstoff

Spätestens seit Beginn des Ukraine-Kriegs sind Energiepartnerschaften ein großes Thema. Aber auch unabhängig von Versorgungsengpässen infolge der Krise ist und bleibt Deutschland auf Energieimporte angewiesen. Diese müssen im Zuge der Energiewende zunehmend erneuerbar werden, deshalb steht grüner Wasserstoff im Fokus der Partnerschaften. Einseitige Abhängigkeiten sollen dabei unbedingt vermieden werden – auf Abnehmerseite aber auch auf Seiten der potenziellen Erzeugerländer.

Energiepartnerschaften mit Kanada

Im Spätsommer 2022 reisten Bundeskanzler Olaf Scholz und sein Wirtschaftsminister Robert Habeck nach Neufundland in Kanada um mit dem dortigen Premier Justin Trudeau und seinen Ministern über ein Wasserstoff-Abkommen der beiden Länder zu sprechen. Kanada plant an seiner Ostküste, der windreichen Provinz Neufundland-Labrador, eine bedeutende Wasserstoff-Produktion aufzubauen. Deutschland will zu den ersten Abnehmern von dort erzeugtem grünem Wasserstoff und Ammoniak gehören.

Kanada, ein wirtschaftlich starkes und politisch stabiles Land, das sich dem Klimaschutz verpflichtet hat und bis 2050 klimaneutral sein will, ist als Energielieferant eher unkritisch. Schwieriger wird es, wenn die Energiepartnerschaften und Lieferabkommen für grünen Wasserstoff mit Entwicklungs- oder Schwellenländern geschlossen werden sollen. Schnell steht hier der Vorwurf des „Neokolonialismus“ im Raum.

Angola soll erster Lieferant für grünen Wasserstoff nach Deutschland werden

Im Juni wurde bekannt, dass der angolanische staatliche Energiekonzern Sonagol mit zwei deutschen Firmen eine Absichtserklärung für den Bau einer Wasserstofffabrik in Angola unterzeichnet hat. Ab 2024 soll grünes Ammoniak exportiert werden. Eine offizielle Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und Angola auf Regierungsebene besteht bereits seit 2011.

Mit mehr als 20 Staaten weltweit hat Deutschland in den vergangenen zehn Jahren bereits Energiepartnerschaften abgeschlossen, darunter Wirtschaftsmächte wie Japan, Australien und USA aber auch Schwellen- und Entwicklungsländer wie Angola, Nigeria, Mexiko oder Indien. Profitieren sollen laut Bundesregierung beide Seiten: Die Partnerstaaten erhalten Unterstützung beim Aufbau einer umweltfreundlichen Energiewirtschaft und Deutschland bekommt grüne Energie. Die politischen Energiepartnerschaften sollen einen energiepolitischen Austausch auf Regierungsebene fördern und den Weg für wirtschaftliche Kooperationen ebnen.

Bislang geht es bei der Debatte um Wasserstoff hauptsächlich um die technischen Aspekte und darum, wie die weltweite Produktion von grünem Wasserstoff schnell ausgeweitet werden kann. Die potenziellen sozialen und ökologischen Herausforderungen, die damit verbunden sind, werden dabei mitunter vernachlässigt. Denn der Aufbau einer neuen globalen Wasserstoffwirtschaft bietet nicht nur Aussicht auf eine dekarbonisierte Wirtschaft und Gesellschaft, sondern birgt auch Risiken: Entweder könnten die Entwicklungsländer ins Abseits gedrängt werden. Oder es könnten sich für die wind- und sonnenreichen Länder des „globalen Südens“, die als Erzeugerländer besonders geeignet sind, die oftmals als negativ bewerteten wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Erfahrungen wiederholen, die in der Vergangenheit mit der Rohstoffindustrie und dem Abbau fossiler Energieressourcen verbunden waren.

Studie zum Risiko „Grüner Kolonialismus“

Das Risiko eines „grünen Kolonialismus“ wird beispielsweise in der Studie „Fair Green Hydrogen: Chance or Chimera in Morocco, Niger and Senegal?“ im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung beleuchtet. Eine wichtige Erkenntnis: Um neokolonialen Beziehungen zwischen Erzeuger- und Importländern zu verhindern, müssten auch für spätere Importe strenge Bedingungen gelten. Beispielsweise müsste ausgeschlossen werden, dass grüner Wasserstoff bevorzugt in die Industrieländer exportiert wird, anstatt dass die potenziellen Lieferländer mit den erneuerbaren Energien ihre eigene Dekarbonisierungspolitik verfolgen und die dort oft weit herrschende Energiearmut überwinden.

Aus Sicht der Studienersteller ist es sehr schwierig, entsprechende Guidelines rechtsverbindlich umzusetzen, weshalb kurzfristig zumindest aus Westafrika kein Export von grünem Wasserstoff zu erwarten sei. Auf lange Sicht biete sich für geeignete Lieferländer aber schon die Chance, vom Export grünen Wasserstoffs zu profitieren und dafür auf den Export fossiler und anderer Rohstoffe zu verzichten.

Attraktive Perspektiven für Erzeugerländer

Andere Studien sehen die Perspektiven für die potenziellen Erzeugerländer hingegen deutlich positiver: So etwa die Studie „Synthetische Energieträger – Perspektiven für die deutsche Wirtschaft und den internationalen Handel“ von Frontier Economics und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Dort ist von einer Win-win-Situation die Rede. So könnten im Rahmen eines globalen PtX-Marktes in Deutschland zusätzliche Wertschöpfungseffekte und zahlreiche neue Arbeitsplätze insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau geschaffen werden. Staaten, deren Wirtschaftsmodell derzeit noch stark auf dem Export von fossilen Rohstoffen wie Öl, Gas oder Kohle beruht, könnten durch die Produktion erneuerbarer Fuels neue Einnahmequellen erschließen.

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