Klimaschutz und Motorsport: Widerspruch oder Chance?

Update am 25.10.2022 | Motorsport begeistert nach wie vor weltweit Millionen Menschen an den Rennstrecken und an den TV-Geräten. Ebenso haben Oldtimerrallyes eine große Fangemeinde . Dennoch: Auch in dieser Sparte muss sich etwas ändern. Auch hier müssen die Klimaziele beachtet und umgesetzt werden. Mit der Formel E ist ein Schritt in diese Richtung getan – aber was passiert mit dem Rest? Steht das klassische Autorennen vor dem Aus? Werden Oldtimerrallyes abgeschafft?

Klimaschutz und Motorsport

Alternative, treibhausgasneutrale Fuels sind eine Option, um Klimaschutz und Begeisterung für besonders schnelle oder alte Fahrzeuge zusammenzubringen. Es gibt immer mehr Beispiele, immer mehr Rennen, die mit Future Fuels gefahren werden. So war ein Oldtimerbus mit Baujahr 1964 vom ADAC im Sommer diesen Jahres Teilnehmer der legendären Olympia-Rallye von Kiel nach München. Der VW Transporter T1 fuhr mit einem klimaneutralen Kraftstoff mehr als 2.200 Kilometer. Der Oldtimer wurde dafür nicht umgerüstet, sondern einfach nur mit dem E-Fuel betankt. Den gleichen Plan verfolgt auch die Königsklasse: Ab 2026 will die Formel 1 die Boliden mit CO2-neutralen Fuels betanken.

Elektro-Antrieb und E-Fuels ab 2026 in Formel 1

Dann sollen auf den Rennstrecken weltweit Hybridmotoren zum Einsatz kommen. Knapp die Hälfte der benötigten Leistung soll aus dem Elektro-Motor kommen, die andere Hälfte aus dem Verbrennungsmotor, der mit synthetischen Kraftstoffen betankt wird. Bereits heute nutzen die Rennställe einen Elektro-Antrieb in ihren Autos, um die Leistung damit zu verstärken. In vier Jahren wird dieser Teil des Innenlebens der Boliden deutlich größer sein müssen.

Das ist inzwischen auch vom Weltverband FIA bestätigt. 2026 müssen die Motoren nachhaltig betrieben werden. Dafür wird die Leistung des Elektromotors von 120 auf 350 Kilowatt erhöht. Pro Runde sind neun Megajoule Batterieladung erlaubt. Das Motorenreglement umfasst auch eine Gewichtsgrenze, die es ab der Saison 2026 einzuhalten gilt. Damit ist klar: Wegen des Gewichts der Batterie müssen die Autos insgesamt kleiner und leichter werden. Somit macht der Umstieg auf klimaneutrale Antriebe in der Formel 1 einen erheblichen Umbau der Fahrzeuge nötig.

Dennoch, der Wille zum Klimaschutz ist da und wird von den Teams nun umgesetzt. Einziger Haken: Der wirkliche Rennbetrieb macht nur einen kleinen Teil der Klimabilanz des Formel 1-Zirkus aus. Woche für Woche reisen die Teams rund um den Globus, fliegen von Kontinent zu Kontinent. Der logistische Aufwand hinter dem eigentlichen Renngeschehen ist immens. Material und Menschen werden von Grand Prix zu Grand Prix transportiert. Das Mercedes-AMG PETRONAS-Team erprobte in dieser Saison erstmals Biofuels, um Maschinen und Material zu transportieren. Bei insgesamt drei Rennen der Renntruckserie fuhren 16 Trucks von Spa über Zandvoort nach Monza. Damit konnte der Rennstall die CO2-Emissionen im Vergleich zum Zurücklegen der Strecke mit herkömmlichem Diesel um rund 90 Prozent senken. 2023 soll HVO vollständig bei der Landfracht eingesetzt werden.

24 Stunden Vollgas: E-Fuels am Nürburgring

Neben der Königsklasse gibt es aber auch in anderen Disziplinen des Motorsports gute Beispiele für alternative Antriebe und Fuels: So startete beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring ein Auto, das mit einem synthetischen Kraftstoff betankt war. Für diesen Einsatz hat Nordoel hat das vom Verfahrenstechnik- und Anlagenbauspezialisten CAC hergestellte synthetische E-Benzin zum Super-Benzin e-fuel 98 veredelt, das den von Toyota als drittem Projektpartner gestellten Supra GT4 aufs Treppchen in seiner Klasse getragen hat. Mit dem Einsatz beim Langstreckenrennen in der Eifel wurden die neuen Fuels, die aus grünem Elektrolyse-Wasserstoff und CO2 im „Methanol-to-Fuels“-Verfahren synthetisiert werden, einem absoluten Härtetest unterzogen: 24 Stunden Vollgas auf einer der anspruchsvollsten Rennstrecken der Welt. Der Toyota GR Supra GT4 aus dem Team TGR-E United wurde dafür mit einem seriennahen Dreiliter-Sechszylindermotor ausgestattet und speziell für den Motorsport-Einsatz optimiert. Er verfügt über rund 430 PS. „Wir bei TOYOTA GAZOO Racing Europe haben schon viel Erfahrung mit alternativen Antrieben gesammelt, aber ein Renneinsatz mit synthetischem Kraftstoff ist auch für uns Neuland“, sagte Jörg Mertin, Teammanager TGR-E United. „Wir sind immer offen für Innovationen und freuen uns darauf zu beweisen, dass der GR Supra GT4 auch mit synthetischem Kraftstoff eine gute Figur abgeben wird.“

Dirk Wullenweber, Projektleiter „Race2efuels“ und Bereichsleiter Marketing & Handel der LOTHER Gruppe (Besitzer der NORDOEL Tankstellen) sagte dazu: „Der große Vorteil des synthetischen Kraftstoffes Racing eFuels 98 unseres Race2efuels-Projekts – er kann sofort in jedem Verbrennungsmotor verwendet werden, der sonst normales Super Benzin benötigt.“ So könne der mineralölfreie und treibhausgasneutrale Kraftstoff mit der vorhandenen Tankstellen-Infrastruktur auch außerhalb des Rennsports genutzt werden.

Green Fuels offroad

E-Fuels machen auch vor Offroad-Rennen nicht Halt: So ging das britische Prodrive-Team mit fortschrittlichen Biokraftstoffen bei der Rallye Dakar an den Start. Nachhaltige Fuels eignen sich also auch für Extrembedingungen. Der eingesetzte Biokraftstoff „Prodrive EcoPower“ besteht hauptsächlich aus Biokraftstoffen der zweiten Generation, die aus landwirtschaftlichen Abfällen hergestellt werden. Außerdem enthält er eine synthetische Komponente, die auf CO2-Abscheidung aus der Atmosphäre entsteht. Dadurch reduziert der Kraftstoff die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu herkömmlichem Benzin um rund 80 Prozent.

Biofuel aus Weinabfall für 24-Stunden-Rennen in Le Mans

Und auch beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans wird ein neuer Kraftstoff eingesetzt. TotalEnergies entwickelte den 100 Prozent erneuerbaren Treibstoff für den Rennsport, der seit dieser Saison bei den FIA World Endurance Championship (WEC) eingesetzt wird. Und auch hier ist die Langstreckenbelastung wichtiger Treiber für die neue Entwicklung. Die Fuels müssen der Renndauer und der hohen Laufleistung gewachsen sein, gleichzeitig aber auch die Klimaschutzanforderungen erfüllen. Der Kraftstoff, den TotalEnergies dafür entwickelt hat, ist auf Bioethanolbasis aus Weinrückständen der französischen Agrarindustrie. Damit wird eine Reduktion der CO2-Emission der Rennwagen um mindestens 65 Prozent erreicht. „Unser Ziel ist es, ein wichtiger Akteur bei der Energiewende zu sein und gemeinsam mit der Gesellschaft bis 2050 Netto-Null-CO2-Emissionen zu erreichen“, erklärte Patrick Pouyanné, Vorsitzender und CEO von Total Energies.

Gerade die Langstreckenrennen wie in Le Mans und am Nürburgring bieten seit jeher eine gute Möglichkeit, neue Technologien auf Herz und Nieren zu testen. Das weiß auch FIA-Präsident Jean Todt: „Langstreckenrennen haben von Natur aus immer als hervorragende Forschungs- und Entwicklungsplattform gedient, und es ist ein wichtiger Meilenstein, dass die FIA World Endurance Championship auf 100 Prozent nachhaltigen Kraftstoff umgestellt hat. Es ist das Hauptziel der FIA, nachhaltige Energiequellen in ihrem gesamten Portfolio an Motorsportdisziplinen zu implementieren und so den Weg zur Reduzierung der CO2-Emissionen zu ebnen, was unsere Race-to-Road-Strategie sowie die PurposeDriven-Bewegung der FIA perfekt widerspiegelt.“

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